2. Jüdisches Leben
Nach der ausführlichen literarischen Analyse will ich noch auf die Elemente blicken, wie sich das jüdische Kleinstadtleben Württembergs in der Erzählung darstellt.
Bürgerliche Normalität
Der erste Weltkrieg, die protestantische Claudia war 10 Jahre, die jüdische Autorin Trude 11 Jahre, bedeutete „Entbehrung“ zuhause und „in der Schule Lehrermangel“ (8). Von der „Revolution“ (10) war in der Kleinstadt (Heilbronn) relativ wenig zu spüren – „in Württemberg nahm man alles gelassener hin“ (11). Allerdings gab es durchaus die Angst, dass von den „Arbeiter- und Soldatenräten“, dem Bolschewismus, Fabriken enteignet werden könnten, schließlich hatte der Krieg „den Müttern die Söhne“ genommen, warum nicht auch den „Vätern (…) ihre Fabriken“ (11). In der Inflationszeit studierte Claudia und sammelt die Erfahrung, dass man mit Devisen vieles kaufen konnte. Schlimmer Spuren in der Erinnerung scheint die Hyperinflation im Land von „Metzelsuppe, Spätzle und Sauerkraut“ (142) nicht hinterlassen zu haben. Vermutlich ist die Jugend der jüdischen Autorin nicht viel anders verlaufen als das die der fiktiven Claudia, die erst mit ihrer Heirat mit dem Judentum konfrontiert ist.
Auf der Hochzeit kommt es zu dem „Zwischenfall“ (30 ff.). Onkel Jonathan, seines Zeichens Geschichtsprofessor, kehrt bei einer ungeplanten Rede den Unterschied der Kulturen hervor, wenn auch zu eine ungeschickten Zeitpunkt: „Du bist durch Veranlagung, Erziehung und Zufall gewachsen und verschmolzen mit dem Wirtsvolk, in dem du lebst. (…) Ja, du vollendest das tragische Geschick des Juden, der sich in der Diaspora rasch angeglichen und aufgegeben hat“. Er wünscht seinem Neffen Helmuth ein „Herz“ (32) für die tiefe Liebe, denn „Liebe ist größer als Volk und Heimat und Nation“, aber er prophezeit, dass ihm als „Sohn des Auserwählten Volkes“ „Leiden“ (32) bevorstehen. Gegenüber der betroffenen Claudia beschwichtigt Helmuth diesen Affront des Onkels psychologisierend: „Er überkompensiert seine Minderwertigkeit“ und übersieht, dass die „Assimilation“ bereits „völlig“ stattgefunden hat (34 f.).
Bei der Geburt der Kinder wird ein konfessioneller Kompromiss gefunden: „Wenn‘s ein Mädchen ist, wird es (…) getauft, wenn’s ein Junge ist, wird er Jude“. Claudia ist in Sachen Religion leidenschaftslos: „meinetwegen wird das Kind Mohamedaner, wenn es nur gesund ist“ (45).
Das Leben geht voran, wie ein Treppe nach oben. Helmuth baut sich seine eigene Anwaltskanzlei auf, das „Turmhaus in der Mörikestraße“ (69) mit Blick über die schwäbische Landschaft wird der repräsentative Wohnsitz.
Die jüdische Familie Martell ist völlig integriert. Man ist in der deutschen Literatur verwurzelt, gehört zum Schach- und „Kegelklub“ (226), singt im Gesangsverein. Wie für alle Deutschen hat der erste Weltkrieg in der Familie eine hohe Bedeutung, denn der Vater Martell hat einen Sohn verloren (67), Helmuth selbst diente als Offizier. Trotz allem, man ist patriotisch: „Unsere Heimat hat uns behütet“ (67).
Der 60. Geburtstag des Schwiegervaters (Josef Martel) vermutlich um das Jahr 1927 stellt den Höhepunkt der bürgerlich ungetrübten Existenz dar. „Der Vorstand kündigte für 12 Uhr ein Ständchen der Sangesbrüder an“ (63) und die Handelskammer schickt die Botschaft, dass er zum „Vorstand gewählt“ (63) ist. Die Reihe der Gratulanten findet kein Ende.
Das nächste Familienfest kaum fünf Jahre später des Onkels Heinrich ist bereits vom Antisemitismus gezeichnet. Am 25. März 1933 sitzt der Nazi-Obersekretär mit am Tisch der Festgemeinde, mästet sich und gibt judenfeindliche Kommentare von sich.
„Bürgertum, Demokratie, Assimilierung“, alle haben der „falschen Illusion“ „geglaubt“ (217), bekennt das Familienoberhaupt der Martells.
Die Fratzen des Antisemitismus in Heilbronn
„Erst nach der Machtergreifung durch Hitler nahm der Antisemitismus in Heilbronn bedrohliche Ausmaße an. Im März 1933 wurde Dr. Siegfried Gumbel aus dem Gemeinderat ausgestoßen, Max Rosengart das Ehrenbürgerrecht aberkannt“ (Paul Sauer, Gemeinden, 100).
Der Historiker Hans Franke zeigt in seiner ausführlichen Geschichte des Judentums in Heilbronn auf, dass es in der Kleinstadt bis 1933 zwar eine allgemeine Stimmungsmache gegen Juden über die Presse, in der Schule und einzelne Veranstaltungen der NSDAP gab, aber keine Übergriffe. „Die Juden in Heilbronn blieben diesen Ereignissen gegenüber verhältnismäßig ruhig“ (Franke 110). Bis zum April 1933 änderte sich dies radikal. Presse, Bürgermeister, Stadtrad und Polizei sind komplett von NSDAP und SA übernommen.
Auftakt ist der „Juden Boykott“, den Franke wie folgt beschreibt: „Pressemäßig wurde die Aktion am Samstag, den 1. April 1933, mit den Schlagzeilen ‚Heraus zur Abwehraktion gegen die jüdischen Volksschädlinge – Schlagt die Volksfeinde!‘ und den entsprechenden Kommentaren eingeleitet. Früh um 10 Uhr zog dann die SA, SS und HJ planmäßig aus, um an den Einzelhandelsgeschäften Schilder (ein grüner Punkt auf schwarzem Grund) aufzustellen oder anzubringen und einen Doppelposten an den Eingängen zu postieren, die den Käufer vor dem Betreten zu warnen und Handzettel zu verteilen hatten. Ebenso bezogen einzelne oder mehrere SA-Männer Posten vor den Kanzleien der Rechtsanwälte, vor den Häusern der jüdischen Ärzte usw. Gleichzeitig zogen Trupps mit Plakaten durch die Stadt, die zum Judenboykott aufforderten“ (Franke 117).
Ähnlich, aber präziser geschieht dies im Roman. Firmenbesitzer Jakob Martell wurde in der Nacht vor dem Boykott in „Schutzhaft“ (190) genommen. SA-Leute positionieren sich an dem Samstag vor Läden und Kanzleien mit Schildern und kleben Zettel: „Die Juden sind unser Unglück“ (191), „Wer zum Juden geht, schädigt Deutschland“ (192). Ein Geschäft ist bereits geschlossen – der jüdische Besitzer hat sich nach dem Auszug seiner nichtjüdischen Frau das Leben genommen. Jakob Martell kann aus der Haft befreit werden, weil man den zuständigen Kommissar überzeugt, dass die Martells im Krieg gedient, das eiserne Kreuz errungen und Söhne im Feld gelassen haben.
Die Veränderung vollzieht sich radikal schnell. „Alles Unmögliche war möglich“ (201). In der eigenen Familie wird Claudia für ihre Ehe mit einem Juden angegriffen. Der Liederkranz trennt sich per Schreiben von seinen jüdischen Mitgliedern. Stadtfunktionäre kleiden sich „in Braun“ (213). Der jüdische Schwager Fritz wird als Arzt angeschwärzt und verliert seine Anstellung im Krankenhaus. Die antisemitische Diskriminierung und „Entwürdigung“ der Kinder in der „arischen“ (309) Schule gibt den Ausschlag – die Autorin Victoria Wolff hatte dies bei ihren eigenen Kindern erlebt.
Die einzigen Lichtblicke sind die alten Kameraden von Helmuth, einfache Soldaten, die ihren einstigen Leutnant nach dem 1. April anrufen und auf ihre Art Mut zusprechen. Und das NSDAP-Parteimitglied Prätorius, der verfolgt wird, weil er „gewettert“ hat gegen „diese Auswüchse, gegen Terror, Despotie, Ämterhandel, Uniformgespreize“ (204).
Das jüdische Familienoberhaupt Josef Martell erkennt die Situation mit Scharfsinn. „Die Regierung hat die Absicht, diesen neuen Menschentyp zu schaffen, und mit der Jugend wird es ihr auch restlos gelingen“, bei den Alten „durch Gewaltmittel“ (215). Es ist ein vollständiges „Versagen des Bürgertums“ und der „Demokratie“ (216). Die neuen Führer sind „keine Neuschöpfer, nur Machthaber“, die selbst keinen „Ethos“ haben, und deshalb so „gefährlich“ sind. Und er prophezeit, dass ein jüdisches Leben in absehbarer Zeit in Deutschland nicht mehr möglich sein wird.
Exil
Derjenige, der die Situation als erster voraussah, Onkel Jonathan Martell, wandert auch als erster „nach Palästina“ aus. Den letzten „Anstoß“ (241 ff.) für Claudias Familie gibt die diskriminierende Behandlung von Eva. Das siebenjährige Mädchen, das „sonst so aussah, als habe sie später einmal bedeutende Dinge vor“ ist deprimiert. Sie habe als „Mischling“ „schlechtes Blut“, legt ihr die Lehrerin nahe. Helmuth versetzt das „den Stoß“. Das Kind wird aus der Schule genommen und Pläne geschmiedet.
In Paris gibt es bereits zu viele Emigranten und keine Arbeitserlaubnis, ähnlich in Holland, in dem sich Helmuth umsah. „Deutschland sei seine erste große Liebe. (…) Er sei so verwachsen mit dem Land, für das er im Krieg war, und das ihn heute nicht mehr wolle, daß er schon im Voraus Heimweh habe“ (248). Da es der Anwalt mit seiner emotionalen Rationalität nicht schafft, geht es Claudia mit beherztem Willen und ohne Plan an, ein „stilles, kleines Nest“ in der Schweiz zu finden. Alles ist so normal in Zürich, dass es für sie „nur Freiheit“ (253) bedeutet. Auf abenteuerlichen Wegen, bei denen sie an „das Gute“ (262) glaubt, erwirbt sie ein Haus in den einsamen Bergen über dem Lago Maggiore. Als der Umzug geschafft ist, schleichen sich Zweifel ein, ob alles richtig war, die Einsamkeit des Landes, die Kinder werden krank, eine Russin hilft. Lisbeths Brief aus der Heimat ist erschütternd – alles „Ghetto“: „Plötzlich bin ich Jüdin, und das im Hauptberuf“ (282). und endlich kann auch Helmuth nach der Liquidation seines Geschäftes nachkommen.
„Man muss ich immer klar machen, daß das ein und dieselbe Heimat ist“ (198), schreibt die Erzählerin Claudia nach den Erfahrungen des Judenboykotts frustriert. War sie also nur Gast in ihrer eigenen Heimat oder wurde das neue Land, in dem sie zu Gast ist zur neuen Heimat?