Die Welt da Draußen

Victoria Wolff: Gast in der Heimat 

„Die Welt da Draußen beschäftigt sich mit Politik“ (49), schreibt die Erzählerin des Romans, Claudia Martell. Als 1925 die Wahl des Reichspräsidenten – Marx oder Hindenburg – stattfindet, lebt sie in einer beschaulichen Kleinstadt im Schwäbischen, die unverkennbar der Heimatstadt der Autorin selbst, Heilbronn, mehr als nur ähnelt. Die äußeren Ereignisse fließen geschickt als chronologische Marker in die Geschichte der jüdischen Familie Martell ein und erfahren mit dem 1. April 1933, dem „Judenboykott“, eine dramatische Wende, die zu der Flucht in eine neue Heimat führt – erzählt als authentischer, autobiographischer Bericht im Schweizer Domizil von der gut dreißigjährigen Claudia (geb. 1904, vgl. S.8). In der Literaturwissenschaft (vgl. Promotion von Telse Wenzel) gilt Victoria Wolffs Gast in der Heimat deshalb als histographischer Roman des wachsenden Antisemitismus.
Aber das Buch ist mehr als eine Fiktionalisierung der Entwicklung des Judenhasses, es ist eine Schilderung des bürgerlich schwäbischen Lebens in allen Facetten, in all seiner Ignoranz dessen, was im weiten Berlin geschieht, und damit auch typisch für ein kleinstädtisches Idyll, das sich selbst genug ist, und das ohne großen Widerstand mit dem Strom der Zeit mitgerissen wird und darin untergeht. Raffiniert konstruiert wie die Dokumentation einer ungeübten, aber talentierten Schreiberin ist es in der Sprache authentisch verfasst mit bewussten Stilmitteln, welche die Originalität wiedergeben sollen und nicht unbedingt eine hohe Literalität anstreben. 
Die Geschichte nachzuerzählen, würde wenig von der Atmosphäre wiedergeben – deshalb kann ich nur die eigene Lektüre empfehlen und voraussetzen. Was ich hier präsentieren will, ist ein wenig literarische Analyse, ein Nachvollziehen, warum mich der Roman mit seiner Erzählweise und seinem Inhalt beeindruckt hat. Und in einem letzten Teil (3.) natürlich noch etwas von der interessanten Biographie der Autorin.

 
1. Ein Stück schwäbische Neue Sachlichkeit

„Meine Erinnerung hängt liebevoll an kleinen Scherzen, Begegnungen, Gesichtern, die, wie ich glaubte, nur bei uns in Württemberg möglich wären. Ich liebte und schätzte die schwäbische Art; ich überschätzte sie vielleicht …“ (7). Dieser Rückblick aus der Erinnerung auf das württembergische Leben in der Weimarer Zeit ist manchmal als eine Art Tagebucheintrag, meistens eher wie eine Reportage verfasst, durch Schilderungen von Prozessen, Briefen, kleinen Dokumenten und der kurzen Nennung der historischen Rahmenbedingungen angereichert. Der Stil wirkt wie frisch von der Leber weg geschrieben und zeigt sich beim zweiten Lesen doch stark komponiert als leise Entwicklung, bei der in das Alltägliche immer mehr von der Welt draußen und deren Schrecken eindringt. Die Emotionen der Erzählerin Claudia sind dabei nie als persönliche und „falsche Gefühlsseligkeiten“ (7) präsent, sondern werden nüchtern in allgemeinen Weisheiten und neutrale Beobachtungen verpackt, weil ein „so großes Beben“ (7) an den Fundamenten dieser Zeit rüttelt, dass die eigenen Gefühle dagegen verblassen. Gleichwohl durchläuft Claudia sichtbar einen Prozess der Emanzipation. Am Ende ist es ihr Engagement, das die Familie rettet. Die Rollen von Mann und Frau haben sich verändert als Pendant zur Welt der Weimarer Republik, in der „Krieg und Revolution und Inflation und weiß Gott was für Wertveränderungen“ (103) stattgefunden haben.

Aus der nüchternen Distanz
Erzähltechnisch raffiniert führt es Claudia auch auf das schwäbische Wesen zurück, warum es notwendig ist, ein „umständliches Wortemachen“ zu vermeiden, wenn man „ganz wahr sein will“ (7). Die Menschen in Süddeutschland sind stark geprägt durch ihre Umgebung. Denn „die schwäbische Landschaft hatte ihren Bewohnern ein geruhsames abwartendes Wesen verliehen“ (11) – man „nahm alles gelassen hin“ (11). Einerseits wird dadurch von Anfang an die Distanz zu der einst vertrauten Welt angedeutet, andererseits aber auch der prägende Erzählstil der Neuen Sachlichkeit gerechtfertigt: unprätentiöse Beschreibungen, was ist. Wie die Trauung zwischen der Protestantin Claudia mit ihrem jüdischen Mann Helmuth „ganz rasch in aller Sachlichkeit“ (29) vonstattengeht, so nüchtern werden all die familiären Ereignisse und Geschehnisse in der Kleinstadt berichtet, immer mit einer in neutrale Worte gepackten emotionalen Distanz.
Ich-Sätze sind nicht als innere Reflektion der Gefühlssituation genutzt, sondern vorwiegend als Darstellung von Handeln, wie „ich sagte“ (61), „fragte“ (121), „redete“ (147), „sah“ (109), „hörte“ (130), „nickte“ (209) usw. Geht es doch einmal um Gefühle, werden auch diese in einer fast von Ich abgespalteten Art vermerkt: „Mit dem Kopf sah ich meine Unart ein und bereute; aber die Zunge ging ihre eigenen Wege“ (47). Selbst Liebesgefühle sind kein Grund für Weitschweifigkeit: „Leise nur und ohne Worte, weil die Worte doch zu schwer sind für solche wunderbare Dinge“ (26). Ganz schwäbisch spricht man von „die Mutter“ (120 ff.), ohne Zärtlichkeit oder ein bezugnehmendes Possessivpronomen. Wertungen sind als Beobachtungen getarnt, die nur durch eine dezente Beimischung von Ironie in der Aussage deutlich werden: „Sie seufzte gerne auf Vorrat“ (46).
Später fasst eine Nebenbuhlerin um Helmuths Aufmerksamkeit dies treffend als Prinzip für einen „Roman“ zusammen: „Die Dinge nehmen, wie sie kommen, hinstellen, so sind sie, fertig“ (105).
Alles, was über die eigene beschauliche Welt hinausgeht, verdient kaum Aufmerksamkeit. „Man las die Überschriften in der Zeitung und betrachtete die Wochenschau im Film, mehr Beachtung zollten wir dem fremden Leben nicht“ (98). Claudia findet ein perfektes Bild für diese Distanz zur Welt. Mir „war, als säße ich in einer luftleeren, gläsernen Kugel (…) und es gäbe überhaupt keine Möglichkeit mehr, sich zu berühren (…); die Glaswand war sehr dicht“ (222).

Fremdspiegel und Objektivität
Ein weiteres Mittel, mit dem sich Victoria Wolff als Autorin der Neuen Sachlichkeit erweist, ist das collagenhafte Einfügen von Prozessberichten, Briefen und Dokumenten, die eine objektive Sicht und zugleich eine andere Perspektive als die der tagebuchhaften Einträge der Verfasserin vermitteln wollen.
Als Beispiel: In einem der Briefe von Cousine Lisbeth, der entgegen dem sonstigen Stil völlig emotional um Verständnis für eine Affäre bittet, zeigt sich, dass Claudia als scharfsinnig beobachtende Frau gilt: „Du hast so ruhige graugrüne Augen, die beim Zuhören mitleidig werden und wohl immer das, was sie sehen, mit dem vergleichen, was das Ohr gerade hört“ (77). Passend dazu die Sicht auf die Erzählerin aus der Perspektive der Dialogpartnerin: „Sie sind ein Kind, Claudia. (…) Frauen, die eine glückliche Ehe führen, bleiben Kinder ein Leben lang. Sie wissen nicht, was es heißt, Abgründe zuzudecken, immer Angst zu haben“ (163, Nina Röhrig). Das Gespräch bewirkt wiederum eine tiefe Selbsterkenntnis bei der Erzählerin: „Staunend sah ich, dass ich auf einem anderen Planeten lebte. Ich war so allein wie sie“ (164).
Zu erwähnen wären die Briefe der Cousine Lisbeth über ihre Affäre und später vom jüdischen „Ghetto“ in Heilbronn, der vom Arzt Röhrich über seinen Rückzug aus dem Prozess, die traurige Korrespondenz mit dem Liederkreis, das Dankesschreiben der Heeresleitung nach dem Verlust im Feld und ein Brief aus Jerusalem von Onkel Jonathan.
Das Schildern von Gerichtsprozessen ist Stil der Zeit. Der erste für Claudias Mann Helmuth wichtige Prozess als Anwalt betrifft eine Anklage wegen Spionage gegen die erste Liebe von Claudia, Prätorius, und wird durch eine brillant herbeigeführte Wende gewonnen. Von der Relevanz der Sache ebenfalls zu ausführlich geschildert ist der Prozess um den Arzt Röhrich, der in einem Vergleich endet. In der Funktion dokumentieren diese Schilderungen ein Stück objektive Realität.

  

Irritationen im Alltäglichen als Zeichen für die trügerische Realität
„Und dabei glaubten wir, die Welt bestünde nur aus uns“ (28). Dass dies ein Irrglaube ist, zeigt sich nur sehr allmählich. Erzählerisch finden sich immer wieder angedeutete Einbrüche einer anderen Welt in den Alltag, die anfangs kaum spürbar sind. Das belanglose Bestreichen der „Brötchen mit Butter und Marmelade“ (38) wird zum Symbol, wie „unwirklich“ (39) die Normalität ist. Die „Normaltage“ entpuppen sich als Zeichen dafür, dass man „insgeheim auf irgend etwas “ (61) wartete. Oft taucht das Wort „fremd“ auf, bei der jüdischen Mutter Frau Martell (14), bei dem jungen Helmuth (17), dem Leben der anderen (98), beim Bruder (131) – das Alltägliche wirkt unvertraut, weil das Fundament der Bürgerlichkeit langsam erodiert.
Das gewöhnliche Leben in der Gesellschaft hat seine Tücken, wie Claudia feststellt. „Ich haßte dieses Wort ‚Gesellschaft‘, das den einzelnen seiner menschlichen Verantwortung enthob und ihn gewöhnlicher machte, als er allein gewesen wäre“ (99). Für das „Geborgensein“ nahm man das „Auslöschen der eigenen Vernunft und Eingehen in die Massendummheit mit in Kauf“ (100). Denn genau das passierte und es wurde mit „Gleichmut alles weggeschoben, was nicht hergehörte“ (98), obwohl sich die Gegensätze der politischen Positionen bei den belanglosen Familienfesten immer mehr zeigen.
Die Menschen sind „auf der Suche nach einem Führer“ (66) schreibt die Erzählerin scheinbar arglos, denn dieser belastete Begriff wird an dieser Stelle nur auf die Charaktereigenschaften des Vaters bezogen – eine Irritation. Der perfekte Tag des 60. Geburtstags des Schiegervaters, ein feierlicher Höhepunkt der gesellschaftlichen Anerkennung des jüdischen Unternehmers, hält ein schlechtes Omen bereit: Der Prokurist der Firma hat sich erhängt.
Der alte Freund Helmuths, Karl Müller, der „närrische Müller“ (133) bringt es in der Mitte des Buches als erster auf den Punkt. Er scheint ein kurioser Geselle zu sein mit schrägen Frauengeschichten, die beim Besuch erzählt werden, und einer Sehnsucht, „das Leben zu spüren“. Politisch sind seine Ansichten pointiert sozialdemokratisch. Das Bürgertum hält er für zutiefst opportunistisch, immer sein Fähnchen nach den Herrschenden richtend, das nun sogar bereit ist, „die Demokratie zu verkaufen“ an einen Landesfremden. „Pfui, was ist das für ein Pack“ (135 f.). Er gehört auch zu den ersten, die im März 1933 von den Nationalsozialisten im „Konzentrationslager“ auf dem „Heuberg“ (174) inhaftiert werden.
Weinselig sagt ein Kriegskamerad Helmuths etwas, das er seiner Frau nur nach langem Drängen preisgeben kann: „Martell, wenn ich mal im Suff ‚Saujud‘ sage, dann meine ich nicht Sie. Sie sind ein feiner Kerl“ (148). Das ist die erste offene Andeutung von Antisemitismus.
Einen Hang zum Grotesken hat die Nebengeschichte mit der Freundin Ruth. „Ruth ist das seltsamste Erlebnis“ (75). Als Mitbewohnerin spannt sie Claudia den Freund aus, besucht sie nach Jahren in der Kleinstadt und wirbelt dabei deren Alltag durcheinander. Das Wiedersehen später in der Schweiz ist ein verrückter Zufall, wobei: „Sich zu treffen ist heutzutage doch das Harmloseste, was einem passieren kann“ (259). Denn auch sie hat jüdische Wurzeln, weshalb sie von ihrem Mann verstoßen wurde und schnell nach China weiterreist.

Die aufkommende Bedrohung
Das „Leben“ erscheint Claudia Mitte der 1920er wie eine „Treppe, deren Stufen nur in die Höhe führen“ (69), aber dieses Bild impliziert, dass die Stufen auch nach unten führen können, wenn die Richtung wechselt.
1928 wirkt noch alles normal: „Das Panzerkreuzer-Volksbegehren war gescheitert, und die große Koalition des Kabinetts Hermann Müller sorgte für eine harmlos-gemäßigte Politik. Aber was ging uns das an? (…) So sehr beschäftigt waren wir mit dem Bau des eigenen Lebens, mit der Erneuerung des Jahresrings der Sicherheit“ (98). Doch die Bedrohung zieht herauf und wird in dem filigranen Beziehungsgeflecht der Kleinstadt offensichtlich.
Als Helmuths früherer Kommilitone Franz Kleinbach eine Maria heiratet, spürt Claudia eine „innere Gemeinschaft mit ihr“, wogegen ihr Mann kritisch bleibt: sie hüte einen Gral, der „nicht ganz so rein und kristallen sei“ (111). Nach einiger Zeit wird klar, dass ihr Schwärmen für das „Ideal der Gemeinschaft, das Ideal der Heimatliebe, das Ideal des in seiner Erde wurzelnden Deutschen“ auf die „Volksgemeinsaft Hitlers“ und sein „Drittes Reich abzielt“ (116 f.). Helmuth mahnt, dass zwischen „dem reinen Ideal“, das Maria anstrebt, und „den leeren Programmworten“ der Partei „ein gewaltiger Unterschied besteht“ (118). Beide mögen sie. Als Maria schließlich die „Führerin der neuen Frauenschaft“ wird und dem Gebot „zum Schutz der Rasse dienen“ (166) will, kündigt sie den beiden in unwürdiger Ehe lebenden die Freundschaft. Helmuth hält ihr vergeblich in gut deutscher Bildungsmanier das Zitat des nichtjüdischen Philosophen Schopenhauer entgegen: „Der Nationalstolz ist die wohlfeilste Art des Stolzes, denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt“ (170).
Die Familie (Dortenbach) der Erzählerin ist typisch für Württemberg protestantisch. Erste Anzeichen von nationalistischen Tönen zeigen sich bei Claudias jüngerem Bruder Carl. Aber immer werden diese scheinbar kleinen Eintrübungen überlagert von den großen Dingen des Lebens: das Leiden und der Tod der Mutter an Darmkrebs (120 ff.), dann ein alberner Zwist mit der Schiegermutter, die alle mit ihrem Beleidigtsein böswillig tyrannisiert (149 ff.), und schließlich der Prozess um den selbstlosen Arzt Röhrich, den eine Patientin nicht bezahlen will (157 ff.), wobei im Hintergrund schon das Motiv schwelt, dass man angesichts der nationalen Bewegung nicht gegen einen „Volksgenossen“ klagen darf.
Im Herbst 1932 bricht die politische Situation auch in die bürgerliche Welt ein. Der „gelähmte Wille von Millionen, die arbeiten wollten und nicht konnten, erregte alle bis ins Innerste“ (148), so beschreibt Claudia mitfühlend die katastrophale Wirtschaftslage. Auch im Betrieb der Familie Dortenbach muss ein Fünftel der hundert Mitarbeiter entlassen werden, Kranke können ihre Krankenkasse nicht bezahlen und die „Zerrütteten“ sich keinen Anwalt gegen das „Un-recht“ (148) leisten.
Trotzdem verbringt die gut situierte Familie im Februar 1933 ihren Urlaub noch arglos „auf einer Skihütte im Engadin“, ist „braun und schneeblind“. Man hört „Vermutungen und Drohungen“, aber das Idyll zuhause „glänzte und roch frischgeputzt nach Willkommen“ (157).
Mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler im März 1933 glaubt man zunächst, dass „endlich die Partei, die bisher opponiert hatte, beweisen würde, was sie leisten könnte“ (165). „Zu spät erkannten wir, daß befangen sein ganz dasselbe wie gefangen-sein bedeuten konnte“ (165).
Erst trifft es die Linken, Müller, „Sie haben ihn abgeholt“ – „Er ist doch von Links“ (174). Helmuth deutet, dass die „Revolution“ „begonnen“ (175) hätte und man als Anwalt vorsichtig sein müsste. Dann verschwindet der jüdische Metzger, weil er das „Schächtverbot überschritten“ (182) hat. Die Situation ist die gekippt, die Richtung hat sich umgekehrt. „Das Sichere war unsicher geworden und das Unsichere allein sicher“ (200).
 

Eine Frau auf sich selbst geworfen – veränderte Rollen
Gast in der Heimat ist in gewisser Weise ein emanzipatorischer Roman. Claudia macht eine Entwicklung durch, bei der ihr die Werte des bürgerlichen Lebens als Ehefrau und Mutter fraglich werden und sie selbstbewusst eine gleichberechtigte Rolle einnimmt, sich sogar gegen ihren Mann durchsetzt und das Exil organisiert.  
Sicherlich hatte sie gute Startbedingungen. Der „Glauben an die Sicherheit des Lebens“ war auch in der Kleinstadt nach dem ersten Weltkrieg schon verloren, die „Umschichtung der Werte“ (10) hatte begonnen. Die Zeit war vorbei, in der sich eine junge Frau als „Fräulein“ fühlte – es „gab damals (…) kein dümmeres Wort“ (13). Ihren Hunger „nach dem richtigen Leben“ (12) kann sie aufgrund ihrer privilegierten Situation verwirklichen – sie studiert nach dem Abitur Naturwissenschaften in Heidelberg und Tübingen, obwohl man ihr aufgrund ihrer leichten „Feder“ geraten hatte, in „eine Redaktion zu gehen“ (14).
Allerdings bewirkt die Begegnung mit ihrem Jugendfreund, dass sie in die romantischen Ideale zurück verfällt. „Und plötzlich waren der Himmel und die Gräser und Helmuth alles eins. (…) Ich und du und du und ich und kein Zweifel“ (24).
Ihre Ehe beschreibt Claudia ganz klassisch als „Einheit durch Zweiheit“, „ein Aufgeben meiner selbst und ein Eingehen in den Menschen meiner Wahl“ (38). Zweifel an diesem Lebensmodell deuten sich an, sie hat „zu viel Zeit zu Grübeln“, denn es gab „nicht viel Arbeit, und Kochen war kein Selbstzweck“ (40). Es gibt Auseinandersetzungen um Geld, wie es im Schwäbischen sein muss, aber ihr Mann zeigt sich sensibel. Erst die Kinder ändern die latente Unzufriedenheit: Eva ein echtes „Weibi“ und Clemens, der Milde. Einige Jahre nach der Geburt der beiden Kinder wird Claudia schwer krank und sie nimmt Abschied von ihrer „Jugend“ (57), wird tiefer.
Die Angst vor einer Affäre ihres Mannes, die ohne Beweise bleibt, bringt sie selbst dazu, sich einen „Manuelo“ als „Trost“ (109) anzulachen – wie weit das geht, ist nicht beschrieben. Nach einem viertel Jahr wirft ihr Vater den Mann aus seiner Firma und auch die vermutete Liebschaft ihres Mannes verschwindet – die Lust auf „Echtes“ (110) führt zurück.
In dem Trubel und den dramatischen Veränderungen verwischt die Persönlichkeit der Schwäbin nahezu, bis der Boykott-Samstag ihr ganzes „Denken verrückten“ (199). Das „Bewußtsein dieses unsicher gewordenen Lebens“ verleiht Claudia eine Stärke und neue „Gewißheit und Sicherheit“, was zu tun ist, und es verbindet sie mit ihrem Mann Helmuth, verstärkt das Gefühl, dass sie „zusammengehören“ (200).
Als die Tochter schließlich in der Schule als „Mischling“ mit schlechtem Blut angegangen wird, ist das Maß voll. Sie trifft die Entscheidung, die Heimat zu verlassen: „das war immer so bei mir, alles entschied sich schnell oder gar nicht“ (251). Weil Helmuth nach der Sondierung der Möglichkeiten noch zögert, beschließt Claudia in die Schweiz zu reisen. „Heute gibt‘s nicht Frauensache oder Männersache. Ich habe lange genug vor mich hingedöst, ich reise!“ (251). Der Appell „sei nicht kleinlich“ (252) überwindet den Widerstand des Ehemanns. Prompt lässt sie sich in Zürich von zwei Männer aufsammeln und reist mit ihnen durch die Schweiz bis nach Locarno am Lago Maggiore. Der „Schwabenstreich“ (262) gelingt – sie findet ein Häuschen, das man kauft und dorthin umzieht. Zunächst muss sie alles allein bewältigen und ist der Verzweiflung nahe. Die Vereinigung der beiden Eheleute am Ende ist romantisch angelegt, aber kein bisschen schnulzig, sondern echt und hoffnungsvoll.

Vergleicht man Gast in der Heimat (1935) von Victoria Wolff mit Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen (1932, s. Artikel Eine, die das Glück suchte), fällt auf, dass sich die beiden Ich-Erzählerinnen nicht übermäßig gleichen. Doris will aus den einfachen Verhältnissen heraus und ihr Glück in der Großstadt finden, landet jedoch in sexueller Abhängigkeit und Armut. Claudia wird unfreiwillig aus ihren gutbürgerlichen Verhältnissen gerissen und muss sich gezwungenermaßen von ihrer Ehefrau- und Mutterrolle emanzipieren, um ihren Werten treu zu bleiben. Die Berlin-Romane (vgl. Berlin Romane) zeigen die Abwärtsspirale der Wirtschaft Hand in Hand mit der Degeneration der Lebenskultur, wogegen der Kleinstadt-Roman aus Württemberg die ländlichen Werte weitgehend bejaht, ihren Untergang als von Außen beeinflusst und als bedauerlich beschreibt. Trotzdem ist das „‚neusachliche‘ Lebensgefühl der ausgehenden Weimarer Republik vielleicht vergleichbar, „hilflos an die gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeliefert und auf sich allein gestellt zu sein“ (Heimberg, Victoria, 221). Und auch in den Stilmitteln und der Erzählweise ähneln sich die literarischen Werke.

 

2. Jüdisches Leben

Nach der ausführlichen literarischen Analyse will ich noch auf die Elemente blicken, wie sich das jüdische Kleinstadtleben Württembergs in der Erzählung darstellt.

Bürgerliche Normalität
Der erste Weltkrieg, die protestantische Claudia war 10 Jahre, die jüdische Autorin Trude 11 Jahre, bedeutete „Entbehrung“ zuhause und „in der Schule Lehrermangel“ (8). Von der „Revolution“ (10) war in der Kleinstadt (Heilbronn) relativ wenig zu spüren – „in Württemberg nahm man alles gelassener hin“ (11). Allerdings gab es durchaus die Angst, dass von den „Arbeiter- und Soldatenräten“, dem Bolschewismus, Fabriken enteignet werden könnten, schließlich hatte der Krieg „den Müttern die Söhne“ genommen, warum nicht auch den „Vätern (…) ihre Fabriken“ (11). In der Inflationszeit studierte Claudia und sammelt die Erfahrung, dass man mit Devisen vieles kaufen konnte. Schlimmer Spuren in der Erinnerung scheint die Hyperinflation im Land von „Metzelsuppe, Spätzle und Sauerkraut“ (142) nicht hinterlassen zu haben. Vermutlich ist die Jugend der jüdischen Autorin nicht viel anders verlaufen als das die der fiktiven Claudia, die erst mit ihrer Heirat mit dem Judentum konfrontiert ist.
Auf der Hochzeit kommt es zu dem „Zwischenfall“ (30 ff.). Onkel Jonathan, seines Zeichens Geschichtsprofessor, kehrt bei einer ungeplanten Rede den Unterschied der Kulturen hervor, wenn auch zu eine ungeschickten Zeitpunkt: „Du bist durch Veranlagung, Erziehung und Zufall gewachsen und verschmolzen mit dem Wirtsvolk, in dem du lebst. (…) Ja, du vollendest das tragische Geschick des Juden, der sich in der Diaspora rasch angeglichen und aufgegeben hat“. Er wünscht seinem Neffen Helmuth ein „Herz“ (32) für die tiefe Liebe, denn „Liebe ist größer als Volk und Heimat und Nation“, aber er prophezeit, dass ihm als „Sohn des Auserwählten Volkes“ „Leiden“ (32) bevorstehen. Gegenüber der betroffenen Claudia beschwichtigt Helmuth diesen Affront des Onkels psychologisierend: „Er überkompensiert seine Minderwertigkeit“ und übersieht, dass die „Assimilation“ bereits „völlig“ stattgefunden hat (34 f.).
Bei der Geburt der Kinder wird ein konfessioneller Kompromiss gefunden: „Wenn‘s ein Mädchen ist, wird es (…) getauft, wenn’s ein Junge ist, wird er Jude“. Claudia ist in Sachen Religion leidenschaftslos: „meinetwegen wird das Kind Mohamedaner, wenn es nur gesund ist“ (45).
Das Leben geht voran, wie ein Treppe nach oben. Helmuth baut sich seine eigene Anwaltskanzlei auf, das „Turmhaus in der Mörikestraße“ (69) mit Blick über die schwäbische Landschaft wird der repräsentative Wohnsitz.
Die jüdische Familie Martell ist völlig integriert. Man ist in der deutschen Literatur verwurzelt, gehört zum Schach- und „Kegelklub“ (226), singt im Gesangsverein. Wie für alle Deutschen hat der erste Weltkrieg in der Familie eine hohe Bedeutung, denn der Vater Martell hat einen Sohn verloren (67), Helmuth selbst diente als Offizier. Trotz allem, man ist patriotisch: „Unsere Heimat hat uns behütet“ (67).
Der 60. Geburtstag des Schwiegervaters (Josef Martel) vermutlich um das Jahr 1927 stellt den Höhepunkt der bürgerlich ungetrübten Existenz dar. „Der Vorstand kündigte für 12 Uhr ein Ständchen der Sangesbrüder an“ (63) und die Handelskammer schickt die Botschaft, dass er zum „Vorstand gewählt“ (63) ist. Die Reihe der Gratulanten findet kein Ende.
Das nächste Familienfest kaum fünf Jahre später des Onkels Heinrich ist bereits vom Antisemitismus gezeichnet. Am 25. März 1933 sitzt der Nazi-Obersekretär mit am Tisch der Festgemeinde, mästet sich und gibt judenfeindliche Kommentare von sich.
„Bürgertum, Demokratie, Assimilierung“, alle haben der „falschen Illusion“ „geglaubt“ (217), bekennt das Familienoberhaupt der Martells.

Die Fratzen des Antisemitismus in Heilbronn
„Erst nach der Machtergreifung durch Hitler nahm der Antisemitismus in Heilbronn bedrohliche Ausmaße an. Im März 1933 wurde Dr. Siegfried Gumbel aus dem Gemeinderat ausgestoßen, Max Rosengart das Ehrenbürgerrecht aberkannt“ (Paul Sauer, Gemeinden, 100).
Der Historiker Hans Franke zeigt in seiner ausführlichen Geschichte des Judentums in Heilbronn auf, dass es in der Kleinstadt bis 1933 zwar eine allgemeine Stimmungsmache gegen Juden über die Presse, in der Schule und einzelne Veranstaltungen der NSDAP gab, aber keine Übergriffe. „Die Juden in Heilbronn blieben diesen Ereignissen gegenüber verhältnismäßig ruhig“ (Franke 110). Bis zum April 1933 änderte sich dies radikal. Presse, Bürgermeister, Stadtrad und Polizei sind komplett von NSDAP und SA übernommen.
Auftakt ist der „Juden Boykott“, den Franke wie folgt beschreibt: „Pressemäßig wurde die Aktion am Samstag, den 1. April 1933, mit den Schlagzeilen ‚Heraus zur Abwehraktion gegen die jüdischen Volksschädlinge – Schlagt die Volksfeinde!‘ und den entsprechenden Kommentaren eingeleitet. Früh um 10 Uhr zog dann die SA, SS und HJ planmäßig aus, um an den Einzelhandelsgeschäften Schilder (ein grüner Punkt auf schwarzem Grund) aufzustellen oder anzubringen und einen Doppelposten an den Eingängen zu postieren, die den Käufer vor dem Betreten zu warnen und Handzettel zu verteilen hatten. Ebenso bezogen einzelne oder mehrere SA-Männer Posten vor den Kanzleien der Rechtsanwälte, vor den Häusern der jüdischen Ärzte usw. Gleichzeitig zogen Trupps mit Plakaten durch die Stadt, die zum Judenboykott aufforderten“ (Franke 117).
Ähnlich, aber präziser geschieht dies im Roman. Firmenbesitzer Jakob Martell wurde in der Nacht vor dem Boykott in „Schutzhaft“ (190) genommen. SA-Leute positionieren sich an dem Samstag vor Läden und Kanzleien mit Schildern und kleben Zettel: „Die Juden sind unser Unglück“ (191), „Wer zum Juden geht, schädigt Deutschland“ (192). Ein Geschäft ist bereits geschlossen – der jüdische Besitzer hat sich nach dem Auszug seiner nichtjüdischen Frau das Leben genommen. Jakob Martell kann aus der Haft befreit werden, weil man den zuständigen Kommissar überzeugt, dass die Martells im Krieg gedient, das eiserne Kreuz errungen und Söhne im Feld gelassen haben.
Die Veränderung vollzieht sich radikal schnell. „Alles Unmögliche war möglich“ (201). In der eigenen Familie wird Claudia für ihre Ehe mit einem Juden angegriffen. Der Liederkranz trennt sich per Schreiben von seinen jüdischen Mitgliedern. Stadtfunktionäre kleiden sich „in Braun“ (213). Der jüdische Schwager Fritz wird als Arzt angeschwärzt und verliert seine Anstellung im Krankenhaus. Die antisemitische Diskriminierung und „Entwürdigung“ der Kinder in der „arischen“ (309) Schule gibt den Ausschlag – die Autorin Victoria Wolff hatte dies bei ihren eigenen Kindern erlebt.
Die einzigen Lichtblicke sind die alten Kameraden von Helmuth, einfache Soldaten, die ihren einstigen Leutnant nach dem 1. April anrufen und auf ihre Art Mut zusprechen. Und das NSDAP-Parteimitglied Prätorius, der verfolgt wird, weil er „gewettert“ hat gegen „diese Auswüchse, gegen Terror, Despotie, Ämterhandel, Uniformgespreize“ (204).
Das jüdische Familienoberhaupt Josef Martell erkennt die Situation mit Scharfsinn. „Die Regierung hat die Absicht, diesen neuen Menschentyp zu schaffen, und mit der Jugend wird es ihr auch restlos gelingen“, bei den Alten „durch Gewaltmittel“ (215). Es ist ein vollständiges „Versagen des Bürgertums“ und der „Demokratie“ (216). Die neuen Führer sind „keine Neuschöpfer, nur Machthaber“, die selbst keinen „Ethos“ haben, und deshalb so „gefährlich“ sind. Und er prophezeit, dass ein jüdisches Leben in absehbarer Zeit in Deutschland nicht mehr möglich sein wird.

Exil
Derjenige, der die Situation als erster voraussah, Onkel Jonathan Martell, wandert auch als erster „nach Palästina“ aus. Den letzten „Anstoß“ (241 ff.) für Claudias Familie gibt die diskriminierende Behandlung von Eva. Das siebenjährige Mädchen, das „sonst so aussah, als habe sie später einmal bedeutende Dinge vor“ ist deprimiert. Sie habe als „Mischling“ „schlechtes Blut“, legt ihr die Lehrerin nahe. Helmuth versetzt das „den Stoß“. Das Kind wird aus der Schule genommen und Pläne geschmiedet.
In Paris gibt es bereits zu viele Emigranten und keine Arbeitserlaubnis, ähnlich in Holland, in dem sich Helmuth umsah. „Deutschland sei seine erste große Liebe. (…) Er sei so verwachsen mit dem Land, für das er im Krieg war, und das ihn heute nicht mehr wolle, daß er schon im Voraus Heimweh habe“ (248). Da es der Anwalt mit seiner emotionalen Rationalität nicht schafft, geht es Claudia mit beherztem Willen und ohne Plan an, ein „stilles, kleines Nest“ in der Schweiz zu finden. Alles ist so normal in Zürich, dass es für sie „nur Freiheit“ (253) bedeutet. Auf abenteuerlichen Wegen, bei denen sie an „das Gute“ (262) glaubt, erwirbt sie ein Haus in den einsamen Bergen über dem Lago Maggiore. Als der Umzug geschafft ist, schleichen sich Zweifel ein, ob alles richtig war, die Einsamkeit des Landes, die Kinder werden krank, eine Russin hilft. Lisbeths Brief aus der Heimat ist erschütternd – alles „Ghetto“: „Plötzlich bin ich Jüdin, und das im Hauptberuf“ (282). und endlich kann auch Helmuth nach der Liquidation seines Geschäftes nachkommen.
„Man muss ich immer klar machen, daß das ein und dieselbe Heimat ist“ (198), schreibt die Erzählerin Claudia nach den Erfahrungen des Judenboykotts frustriert. War sie also nur Gast in ihrer eigenen Heimat oder wurde das neue Land, in dem sie zu Gast ist zur neuen Heimat?

 3. Victoria Wolff

Wie bei vielen, die aus Hitlerdeutschland fliehen mussten, erfährt die Lebensgeschichte mit dem Exil bei Victoria Wolff einen starken Einschnitt. Ihre ersten Erfolge als Schriftstellerin bis 1933 hätten eine erfolgreiche Karriere vorgezeichnet. Aber mit dem Publikationsverbot (1934) in Dritten Reich brach der deutsche Leserkreis weg und die Autorin wäre fast in Vergessenheit geraten. Gleichwohl hat sie zunächst im Schweizer Ascona weitere Bücher verfasst und nach ihrer Übersiedlung in die USA durchaus neu Fuß gefasst mit Drehbüchern und Romanen.
Vier Namen, zwei Ehen. Ihr Mädchennamen ist Trude Victor, nach der Heilbronner Ehe heißt sie Trude Wolf, in den USA ist nach Scheidung und Heirat ihr bürgerlicher Name Trude Wolff (mit zwei „f“) und die Künstlerin nennt sich nach ihrem Mädchenname und zweiten Ehemann Victoria Wolff.

Jahre in Heilbronn
Trude (Getrude) Victor wird 1903 als erste von drei Töchtern im schwäbischen Weinstädtchen Heilbronn geboren, das mit knapp 40.000 Einwohner bereits ein starke Industrieentwicklung vorweisen konnte. Die rund 1000 dort lebenden Juden gehörten ganz überwiegend zur gehobenen Bürgerschicht. Der Vater Jakob besaß sogar Anteile an einer für diese die Zeit große Firma mit 280 Mitarbeitern, die Lederfabrik Heilbronn, Gebrüder Victor. Vor seinem unerwarteten Tod an der Spanischen Grippe 1918 sorgt er dafür, dass Trude als eines von wenigen Mädchen mit ministerieller Ausnahmegenehmigung auf das Knaben-Realgymnasium gehen und 1922 das Abitur ablegen kann. Ein Studium der Naturwissenschaft in Heidelberg bricht sie nach einem Jahr ab und heiratet 1924 den promovierten Volkswirtschaftler Alfred Wolf. Beide Familien wohnten in der Moltkestraße, wo das Paar sich ebenfalls niederlässt (Hausnummer 21) und die beiden Kinder Ursula (1926) und Frank (1928) zur Welt kommen.
In ihrer „Poetenstube“ (304), eine Dachkammer wie der „Turm“ (70) in ihrem Roman, beginnt Trude Wolf zu schreiben mit Veröffentlichungen in Feuilletons lokaler und überregionalen Zeitungen. Für originäre „Reiseberichte“ fährt sie für die Zeit noch untypisch mit ihrem „4/20er Opel“ (311 f.) durch Europa (z.B. nach Prag und Ascona). Zwei Romane, die durchaus Anklang finden, veröffentlicht sie vor 1933, dann erkennt sie die Zeichen der Zeit sehr schnell und verlässt kurz nach der Machtergreifung der Nazis ihre Heimat.

Exilerfahrungen und Amerika
Mit ihren beiden Töchtern zieht Victoria Wolff nach Ascona und führt dort ein schriftstellerisch kreatives Leben. „Erstmalig bot sich ihr, die in Heilbronn weitgehend isoliert gearbeitet hatte, die Gelegenheit, regelmäßig mit Schriftstellern und Malern zusammenzukommen und sich auszutauschen. Rückblickend sprach Wolff sogar von einem ‚fröhlichen Exil‘“ (Schaffen 415). Mehrere Bücher, darunter Gast in der Heimat (1935), und zahlreiche Artikel erscheinen, bis ihr im Juni 1939 die Schweizer Behörden das Publikations- und Aufenthaltsrecht entziehen – sie hatte gegen die Auflage verstoßen, nicht in der Schweizer Presse zu veröffentlichen. Wolff muss nach Nizza ausreisen und bemüht sich um Visa für die USA. Als der Krieg Frankreich erreicht, verhaftet man sie kurzzeitig wegen Spionage. Ein von ihrer Schwester organisiertes Affidavit ermöglicht ihr nach einigen Wirren die Ausreise nach USA im Februar 1941.
Alfred Wolf bleibt 1933 in Heilbronn zurück, muss als jüdischer Unternehmer die Textilfabrik verkaufen, versucht es 1936 in Wien und wird mit dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland in eine französische Zweigstelle in Frankreich versetzt. Er besucht die Familie regelmäßig in der Schweiz, später in Nizza, wo er sofort als unerwünschter Ausländer interniert wird. Victoria Wolffs Erlebnisse und die ihres Mannes in dieser Zeit wären eine eigene Darstellung wert, nachzulesen bei Anke Heimberg „Schaffen, Schaffen, Schreiben“ (2008) und seinem eigenen Lebensbericht (in: „Lebenszeichen“ 338-341). 
Die Heilbronnerin ist Internationalität gewohnt und startet in den USA ungewöhnlich schnell durch. Aufgrund ihres in England 1941 erfolgreich in Übersetzung erschienenen Romans Das weiße Abendkleid (1938) nimmt man sie wahr – sogar die Filmrechte werden erworben und sie kann einige Drehbuchskripte in die Filmbranche verkaufen, geht allerdings wegen einer illegalen Nutzung vor Gericht, gewinnt juristisch, verliert aber das Wohlwollen Hollywoods. Nach Scheidung 1945 heiratet sie 1949 den inzwischen in New York fest etablierten deutschen Arzt Dr. Erich Wolff und schreibt bis zu ihrem Tod (1992) ein Dutzend auflagenstarke Unterhaltungsromane in den USA.
Obwohl Victoria Wolff von sich sagt, dass sie „im Herzen eine Amerikanerin geworden“ ist (Schaffen 419), besucht sie Heilbronn nach dem Krieg regelmäßig. Ein Interview (s.u.) von 1984 mit der älteren und beeindruckenden Dame ist erhalten.

Die Schriftstellerin und Autobiographisches
Dass Victoria Wolff ihre schriftstellerische Karriere bereits mit ersten Artikeln in der Ägide des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss startete, der bis höchstens Anfang 1918 Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung war (vgl. „Erinnerungen eines Bundespräsidenten“), wie sie es in späteren Jahren erzählt, ist sehr unwahrscheinlich – sie wäre maximal 15 Jahre gewesen. Zweifelsfrei hat Wolff ihr Talent gegen familiäre und gesellschaftliche Ressentiments der Zeit und mit ungewöhnlichem Selbstbewusstsein entwickelt – vielleicht hat sie sich in Claudia ein kleines Denkmal gesetzt. Zumindest sind die starken Bezüge der Figuren zu ihrem eigenen Leben offensichtlich. Auch für Claudia ist „Schreiben“ „die große Zuflucht“, der „Drang zu schreiben, der wie Fieber“ ist (237).
Gast in der Heimat ist verfasst wie ein autobiographischer Rückblick auf das Leben in großbürgerlichen Verhältnissen in der süddeutschen Stadt mit allen typischen Verwicklungen. Genau das ist Heilbronn in der Weimarer Zeit, Victoria Wolffs Heimat. Auch in aller Ahnungslosigkeit und Ignoranz, was die Entwicklung von Antisemitismus und Nationalsozialismus betrifft.
Die Herausgeberin Anke Heimberg weist die genauen Bezüge zu realen Personen und Umständen in Victoria Wolffs Leben nach – ich nehme mit, was aber auch beim Lesen schon klar war: Man kann den Roman fast komplett autobiographisch lesen und als Beispiel für den Alltag dieser Zeit in Süddeutschland sehen. 
1992 stirbt Victoria Wolff fast neunzigjährig in Los Angeles. 
Mit der Lebensweisheit eines schwäbischen Fabrikanten schließe ich: „Man lebt viel zu schlecht für die lange Zeit, die man tot sein muß“ (28).

 

Wolff, Victoria: Gast in der Heimat, AvivA Verlag 2021 (1935), 331 Seiten.

Jürgs, Britta (Hg.): Leider hab ich’s Fliegen verlernt. Portraits von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Neuen Sachlichkeit, AvivA Verlag 2000, 307 Seiten.

Heimberg, Anke: Victoria Wolff (1903-1992), in: Britta Jürgs: Leider hab ich’s Fliegen verlernt, 214-240.

Heimberg, Anke: „Schaffen, Schaffen, Schreiben“ – Victoria Wolffs Jahre in Heilbronn und ihre Zeit im Exil; Sonderdruck aus Christian Schenk u. Peter Wanner (Hg.): heilbronnica 4, Beiträge zur Stadt- und Religionsgeschichte, Stadtarchiv Heilbronn 2008, S. 405-420, LINK.

Sauer, Paul: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale, Geschichte, Schicksale, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 1966, 230 Seiten.

Strauss, Walter: Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933, Bleicher Verlag Gerlingen 1982, 365 Seiten.

Wenzel, Telse: Die Weimarer Jahre und Weimars Ende in den frühen Romanen von Victoria Wolff, Dissertation Berlin 2019. LINK

 

Biographisches zu Victoria Wolff im Netz:

Wolff, Gertrude (Trude) Victoria
Sehr ausführliche und lesenswerte Biographie auf leo-bw.de

Von Heilbronn nach Hollywood – Victoria Wolff (1903–1992)
Kurzer Artikel von Anke Heimberg in der Gesellschaft für Exilforschung (7 ff.)

Interview mit Victoria Wolff 1984
von dem Chefredakteur der Heilbronner Stimme Uwe Jacobi (Youtube)

Literarische Orte: Moltkestraße 16 und 21. Victoria Wolff und die Heimat.
Video Literaturhaus Heilbronn (Youtube), in dem u.a. Bilder des Wohnhauses der Autorin gezeigt werden. 

 Artikel (Feuilleton und Literaturkritik):

Walter Delabar: Eine ganz normale Geschichte. Victoria Wolffs Exil-Roman „Gast in der Heimat”
Rezensions-Artikel (2022) auf Literaturkritik.de – gut lesbar.  

Christoph Haacker: „Heil Hitler!“ in Heilbronn
Buch-Rezension im Deutschlandfunk 

Jüdische Geschichte/ Stadtgeschichte:

In Franke, Hans: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zu der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050-1945). Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn 11, Heilbronn 1963; um Korrekturen ergänzte Online-Version 2009/211

 

Victoria Wolff: Gast in der Heimat
Rudolf Olden: Hitler der Eroberer
H.-M.Bock: Paul Leni
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Franz Roh: Nach-Expressionismus
Brigitte Reinhardt: Reinhold Nägele
Friedrich Wolf: Stuttgart
Verena Steinecke: Rebellin
Else K. LaRoe: Skalpell
Else Kienle: Frauen 1932
Die Neue Sachlichkeit
Ernst Toller: Quer
Söderström Phototagebuch
Clärenore Stinnes
Eugen Eberle
Volker Ullrich
Margarethe Ludendorff
Adolf Hölzel
Adolf Hölzel
Margarethe von Wrangell
Theordor Heuss: Erinnerungen 1905-1933
Rudolf Braune: Das Mädchen an der Orga Privat
Thomas Ziebula: Der rote Judas
Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland
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