
Die andere Margarethe – Ludendorffs Frau
„Als ich Ludendorffs Frau war“…
erzählt aus dem gemeinsame Leben mit ihrem Mann Erich bis 1925. Ein nettes Zeitdokument über das Gedankengut der national und völkisch eingestellten Militärelite.
Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat in seinen gut sechzig Jahren (1881-1942) zwei katastrophale Umwälzungen erlebt, die ganz Europa umfassten, und sein Leben zweimal komplett auf den Kopf gestellt haben, der erste Weltkrieg mit dem Ende der Monarchie und die „Barbarei“ (15) der Nationalsozialisten mit Vertreibung und erneutem Krieg. Die „Welt, in der ich aufgewachsen bin“, schreibt er im Vorwort seiner Autobiografie von 1942, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten“. Man muss „Die Welt von Gestern“ den jungen Menschen erklären, denn „zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen“ (13), so radikal waren die Veränderungen.
Das „zwischen beiden“, das „Gestern“ sind die 15 Jahre von 1918 bis 1933, weshalb ich zuerst dachte ich, dass ich mich auf diese 100 von fast 500 Buchseiten beschränken kann, bis mir klar wurde: Es ist das Davor, die scharf von Zweig beobachtete „Welt von Gestern“ und von „Vorgestern“, die veranschaulicht, warum hinterher so vieles anders geworden ist. Das vermeintlich „goldene Zeitalter der Sicherheit“ (18) vor dem ersten Weltkrieg darf ich nicht auslassen und auch nicht, was Zweig als „Zeuge (..) der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität“ (12) zu berichten hat.
Verfasst ist Die Welt von Gestern ohne Unterlagen und Erinnerungsstützen aus dem „Gedächtnis“ (17), vor 1942 in dem brasilianischen Petrópolis.
Vorweg. Der Wiener alten Schlages geht trotz des ausfeilten psychologischen Profils seiner Literaturfiguren in seiner Autobiographie nicht wirklich auf seine eigene, persönliche seelische Verfassung ein. Insofern passt es, dass ich hier mit dem Interesse an der Zeit der Weimarer Republik vor allem die gut beobachteten Zeitenwechsel ausführlich beleuchte (1.), die der durchschimmernden Person (2.) dagegen nur kurz streife.
Wien am Ende des 19. Jh. – Sicherheit und leibfeindliche Doppelmoral
Die österreichische Monarchie mit ihrem fast tausendjährigen Bestand bezeichnet der 1881 geborgene als einen „Garant“ für „Beständigkeit“ (18). Das „Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal“ (19). Ehemals nur ein Vorzug der „Besitzenden“, wurde diese Sicherheit „allmählich“ den „breiten Massen“ zugänglich. Man „assekurierte“ Haus, Hof, Gesundheit und Alter, während sich auch die Arbeiter und Dienstboten „normalisierten Lohn und Krankenkassen“ (19) eroberten. „Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich im Zeitalter der Vernunft“ (19). Der „Erzengel des Fortschritts“ (21) in Gestalt der Wissenschaft förderte, dass die Menschen „schöner, kräftiger, gesünder“ (20) wurden.
Die Schattenseite dieser hart vom System verteidigten Sicherheit für die Entwicklung eines jungen Mannes und der Gesellschaft beschreibt Zweig eindrücklich mit verschiedenen Auswüchsen.
Eigentlich war Stefan Zweig mit allen Annehmlichkeiten des jüdischen Großbürgertums ausgestattet – der Vater „Großindustrieller“ (28), die Mutter aus einer europäischen Bankier Dynastie. Bei „den Juden“ (29) galt als Ideal der „Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht“. Dieses Erbe ließ ihn einerseits zum gebildeten „Übernationalen, (…) zum Weltenbürger“ (31) heranwachsen.
Die Weltstadt mit zwei Millionen Einwohnern teilte über „alle Stände“ hinweg einen „Fanatismus für Kunst“ „Lust am Schauspielhaften als Spiel- und Spiegelform des Lebens“ (36) und pflegte ein „behagliches Zusammensein“ nach dem Grundsatz „leben und leben lassen“ (42). Aber das „Verhaspeltsein in Sicherheit und Besitz und Behaglichkeit“ (46) war ein „Traumschloss“ (22) und bedingte ein autoritäres Bildungssystem, in dem der Jugend als potentiale Veränderungskraft ein „ständiges Mißtrauen“ entgegen gebracht wurde, sie „niedergehalten werden mußte“ (53). Die Schule wurde zum „Instrument“ (55) der Aufrechterhaltung der Autorität, war „Zwang, Öde, Langeweile“ (49), worunter die Heranwachsenden litten. Sich „ins Gefüge möglichst widerstandslos einzupassen“ hat „Minderwertigkeitskomplexe“ hervorgerufen, die „man in den Akten der Psychoanalytiker nachlesen“ (56) kann (ein Hinweis auf den Wiener Zeitgenossen Alfred Adler).
Kulturelles Lernen fand außerhalb der Lehranstalt statt, im Kaffeehaus („Café Griendsteidl“, 68), das Zeitungen und Literaturzeitschriften aus aller Welt bot. Mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter erobert sich Zweig die beginnende Moderne der Kunst und Literatur. Sie lesen Bücher und Gedichte von Stefan George, Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler, besuchen Theater und Ausstellungen, „hungerten“ nach dem Neuen, allem was „mit den Bannworten ‚dekadent‘ oder ‚anarchisch‘“ (65) belegt war und witterten, dass „eine Revolution (…) der Werte im Anbeginn war“ (64).
Diese private „Monomanie des Kunstfanatismus“ ging eindeutig auf „Kosten der normalen Interessen“ des Alters – der Sexualität: „Ich habe noch (…) Jahrzehnte gebraucht, um das Gleichgewicht gegen diese kindisch-gierige Überspannung wiederzufinden und die unvermeidliche körperliche Ungeschicklichkeit einigermaßen wettzumachen“ (81).
Scharf und ausführlich verurteilt der Geschädigte die Doppelmoral („doppelt verlogen“, 100), die sich durch die ganze Wiener Gesellschaft zog. Sexualität wurde als „anarchisches und darum störendes Element“ (90) in die „Heimlichkeit“ (89) verlagert, ganz nach den Beobachtungen des Wiener Sigmund Freud „aus dem Bewusstsein“ (91) verdrängt. Außerhalb der „Welt der Sitte“ führte dies am Rande der Gesellschaft zu einer „Blüte (…) der pornographischen Literatur“ (99) und einer „ungeheuren Ausdehnung der Prostitution in Europa“ (106). Geschlechtskrankheiten und ungewollte Vaterschaften wurden aufgrund fehlender Aufklärung zum Problem einer ganzen Generation von Männern. Der Frau sprach man dagegen gänzlich ab, ein „körperliches Verlangen“ (100) zu haben und erzog die jungen Mädchen geschützt und „vollkommen (…) lebensfremd“ (101), damit sie „willenlos vom Manne geformt und geführt werden“ (102) konnten. „Dieselbe Welt, die so pathetisch die Reinheit der Frau verteidigte, duldete“ auf der anderen Seite die Prostitution, „diesen grauenhaften Selbstverkauf, organisierte ihn und profitierte daran“ (111).
„In summa hat jener Druck auf unsere Jugend statt einer höheren Sittlichkeit nur Mißtrauen und Erbitterung in uns gegen alle diese Instanzen“ (99) hervorgerufen. Es „war für die Jugend eine schlimme Zeit“, die einer natürlichen „körperlichen wie geistigen Entwicklung“ (111) entgegenstand. Vielleicht ein Hinweis, wie problematisch für Zweig die eigene Sexualität war. Eine zeitweilige krankhafte Neigung zu Exhibitionismus wurde ihm unterstellt (s.u.), was in der geschilderten Atmosphäre der Wiener Verhältnisse kaum verwundert.
Unbemerkt vom Gymnasiasten und seinem „Erwachen der Pubertät“ (89) zeigten sich weitreichendere Veränderungen, deren „Vorboten“ (82) in Kunst und Literatur nur blasse Spiegelungen waren und „die Welt der Sicherheit erschüttern und schließlich vernichten sollten (…). Die Massen, die stillschweigend und gefügig der liberalen Bürgerschaft durch Jahrzehnte die Herrschaft gelassen, wurden plötzlich unruhig, organisierten sich und verlangten ihr eigenes Recht“ (82). Das allgemeine Wahlrecht umschloss zu dieser Zeit nur Steuerzahlende ab einem bestimmten Niveau. Die „Millionen des ganzen Landes“ (82) erzwangen in einer sozialistischen Bewegung ihr Recht und der bürgerliche Liberalismus geriet in Konflikt mit dem eigenen Volk. Auf der rechten Seite begannen die „Deutschnationalen“ ihren „Prügelterror“ (87). Es war gar nicht allein der verlorene Weltkrieg, der die Umwälzung brachte. „In Wirklichkeit hatte in jenem letzten Jahrzehnt vor dem neuen Jahrhundert der Krieg aller gegen alle in Österreich bereits begonnen“ (88).
Fortschritt, Freiheit, Expansion und Krieg
Die zehn Jahre von 1904 bis 1914, in denen Stefan Zweig in Berlin, Paris und Wien lebte, lesen sich ein bisschen wie die Golden Twenties. Offensichtlich hat nicht erst die Demokratie in Deutschland einen Schub an Freiheit und Fortschritt bedeutet. Innerhalb Europas hatte der vierzigjährige Frieden „den wirtschaftlichen Organismus der Länder gekräftigt“ (226) und die Freizügigkeit des Reisens einen weitrechenden Gedankenaustausch ermöglicht. Die Städte gediehen mit prunkvolleren Bauten, Sportpaläste und Schwimmbäder eröffneten. „Bequemlichkeiten (…) wie Badzimmer und Telephon (…) drangen ein in die kleinbürgerlichen Kreise, und von unten stieg, seit die Arbeitszeit verkürzt war, das Proletariat empor (…) Überall ging es vorwärts“ (227). Die „Menschen selbst wurden schöner und gesünder dank des Sports, der besseren Ernährung.“ (227). „Prüderie wurde zur Altmodischkeit“ (229). „Nie war Europa stärker, reicher, schöner“ (227).
Wie konnte es bei so viel positiver Entwicklung zur Katastrophe eines Krieges kommen? Nach Zweig war es die „Gier nach Expansion“ (231) von Rüstungsindustrie und Konzernen wie auch das übermäßige Gefühl der Stärke der einzelnen Nationalstaaten und ihrer Kultur. Die eigene Überlegenheit schürte eine gegenseitige Herabwürdigung in Form einer„Haßpropaganda“ (246), die bis in den letzten Winkel zu den einfachsten Leuten vordrang und die „Massenhysterien“ (247) auf allen Seiten möglich machte.
Ausgerechnet am Strand in Belgien trifft der Kriegsbeginn Stefan Zweig, wo nur wenige Tage später die deutsche Armee einfällt. Zurück in Österreich schlägt der „erste Schrecken über den Krieg, den niemand wollte“ um in „plötzlichen Enthusiasmus“ (258), vielleicht aufgrund der „unbewussten Urtriebe und Instinkte des Menschtiers“ und der Autoritätengläubigkeit. Während Zweig selbst als Weltenbürger gegen die „Infektion patriotischer Begeisterung“ „geimpft“ (264) war, verfielen nahezu alle deutschen Kulturgrößen in den „Wahnsinn“ (267), reimten „Krieg auf Sieg“, „leugneten über Nacht“ andere Kulturen und priesen die Überlegenheit von „deutschem Wesen, deutscher Kunst und deutscher Art“ (266). Auch die Intellektuellen der anderen europäischen Länder erlagen dem „Massenwahn und Massenhaß“ (271).
Seinen Dienst verbringt Stefan Zweig im „Kriegsarchiv“, was ihm Zeit lässt, trotz des gegenseitigen Abschlachtens für eine „geistige Brüderschaft“ (275 ff.) in Europa zu kämpfen, doch die Weggefährten sind rar und die Möglichkeiten aufgrund von Zensur und Defaitismus-Verdacht extrem begrenzt. Der Franzose Romain Rolland, mit dem Zweig bereits seit längerem in Kontakt stand, veröffentlichte 1914 seinen antipazifistischen Aufsatz „Au dessus de la mêlée“, der ihm viel Feindschaft aber auch 1915 den Literaturnobelpreis einbringt. Die Idee einer gemeinsamen Konferenz der „wichtigsten geistigen Persönlichkeiten aller Nationen“ (280) lässt sich nicht realisieren. Außer dem Selbsttrost, wenigstens etwas versucht zu haben, bleibt alles ohne die „geringste Wirkung“ (283). In Polen und der Ukraine erlebt Zweig hautnah das „furchtbare Elend der Zivilbevölkerung“ und im Lazarettzug das Leiden der Soldaten.
Erst im dritten Kriegsjahr schwindet der Glaube. Die „Ernüchterung“ (294) ermöglicht die Veröffentlichung des kriegskritisch zu interpretierenden „Jeremias“ im Frühjahr 1917. „Von Anfang an glaubte ich nicht an den ‚Sieg‘ und wußte nur eines gewiß: daß selbst wenn er unter maßlosen Opfern errungen werden könnte, er diese Opfer nicht rechtfertige.“ (291). In persönlichen Gesprächen äußeren selbst hohe Militärs ihre Zweifel: „Wir haben mehr als eine Million Tote. Wir haben genug geopfert und getan! Jetzt kein Menschenleben, kein einziges mehr für die deutsche Weltherrschaft“ (299).
Doch der Krieg wütet aufgrund der „erzwungenen Fortführung“ (319) durch den deutschen Oberbefehlshaber Ludendorff noch über ein Jahr weiter. Die letzten Monate kann Zweig in der neutralen Schweiz erleben und mit Gleichgesinnten von der besseren Welt träumen.
Das Ende für Österreich ist bitter. Von dem über 50 Millionen umfassenden Reich bleibt nur ein Rumpfstaat mit guten 6 Millionen Einwohnern, kriegsverschuldet und reparationsbelastet, gezwungen zu einer „Selbständigkeit“, „die es selbst erbittert ablehnte“ (323).
Inflation und gute Jahre – Freiheit und ungezügelter Expressionismus
Die ersten Jahre nach dem Krieg, die Zweig in Salzburg verbringt, sind gezeichnet von Armut der Bevölkerung und einer mit Deutschland vergleichbaren Hyperinflation. Die Geschichten vom grenzüberschreitenden Biertourismus mit dem Nachbarland – je nach Preis des Getränkes in die eine oder andere Richtung – zeigen die Groteske dieser Zeit. Oder die Vermietung des Luxushotels „de L’Europe“ an englische Arbeitslose, die aufgrund der Devisenstärke hier billiger leben konnten als „in ihren Slums zuhause“ (336). Alle Werte lösten sich mit dem Wert des Geldes auf. Es gab bei allem Elend eine positive Seite. Weil das bisher „Stabilste, das Geld“ seinen Wert verloren hatte, „schätzen die Menschen die wirklichen Werte des Lebens – Arbeit, Liebe, Freundschaft, Kunst und Natur“ (338). Die Zwanziger wurden die literarisch produktivsten und erfolgreichsten für Zweig.
Die Sentenz Zweigs über die Inflation ist häufig zitiert und sicher stimmig: „Nichts hat das deutsche Volk (…) so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht die die Inflation“, weil es sich durch sie „beschmutzt, betrogen und erniedrigt empfand“ (359 f.).
Nachdem der Glaube an die Autoritäten verschwunden war und die „Torheit des Krieges noch durch das Stümperwerk ihres Friedens übertroffen“ (341) wurde, wandte man sich von allen alten Traditionen ab. „Homosexualität und Lesbierinnentum wurden (…) als Protest gegen die althergebrachten (…) Liebesformen große Mode. Die neue Malerei (…) begann die wildesten kubistischen und surrealistischen Experimente. Überall wurde das verständliche Element verfemt (…), die Faßlichkeit in der Sprache“ (343), voller „Fanatismus“ und „Mystizismus“ . Eine „wilde, anarchische, unwahrscheinliche Zeit“ (345) brach an, eine „Epoche wildesten Experimentierens, die alles Gewesene, Gewordene, Geleistete mit einem einzigen hitzigen Sprung zu überholen“ (344) suchte.
Stefan Zweig sieht in diesen Veränderungen offensichtlich nicht etwas Neues, Eigenständiges und Echtes, sondern er interpretiert, dass „die ganze kriegsmüde Nation sich eigentlich nur nach Ordnung, Ruhe, nach ein bisschen Sicherheit und Bürgerlichkeit sehnte“ 358). Ist er letztlich Traditionalist und Ordnungsliebender geblieben, wenn er sogar noch weiter mit seiner Auslegung der Geschichte geht? Er schreibt: Im „geheimen haßte sie [die Nation] die Republik, nicht deshalb, weil sie diese wilde Freiheit unterdrückt hätte, sondern im Gegenteil, weil sie die Zügel zu locker in Händen hielt.“ (358) Um es dann wenige Sätze später in einen Vorwurf zu wenden, dass die „deutsche Republik“ selbst „ihren Feinden“ die Freiheit ließ: Das „deutsche Volk, ein Volk der Ordnung, wußte nichts mit der Freiheit anzufangen und blickte voll Ungeduld aus nach jenen, die sie ihm nehmen wollten“ (359).
Was sich entschieden und positiv verändert hat aus Sicht von Stefan Zweig ist das Verhältnis der Geschlechter. Er konzediert, dass eine „ungeheure Revolution der Sitte sich zugunsten der Jungend vollzogen hat, wieviel Freiheit in Liebe und Leben sie zurückgewonnen hat“ (115), eine „Sicherheit“ im Umgang, die zur „Selbstsicherheit“ (116) führt:
„Sehe ich heute die jungen Menschen aus ihren Schulen, aus ihren Colleges mit heller, erhobener Stirn, mit heiterem Gesicht kommen, sehe ich sie beisammen, Burschen und Mädchen, in freier unbekümmerter Kameradschaft, ohne falsche Scheu und Scham im Studium, Sport und Spiel, auf Skiern über den Schnee sausend, im Schwimmbad antikisch frei miteinander wetteifernd, im Auto zu zweit durchs Land sausend, in allen Formen gesunden, unbekümmerten Lebens (…) verschwistert, dann scheint mir jedesmal, als stünden nicht vierzig, sondern tausend Jahre zwischen ihnen und uns“ (114).
Die Jahre von „1924 bis 1933“ waren „für Europa eine verhältnismäßig ruhige Zeit“ (372). „Wir hatten das Gefühl, man müsse nachholen, was die schlimmen Jahre des Krieges und des Nachkriegs aus unserem Leben an Glück, an Freiheit, an geistiger Konzentration gestohlen“ hatte (…). Nie sind die Menschen so viel gereist wie in diesen Jahren“ (372).
Salzburg wird mit seinen Festspielen eine „Weltattraktion“ (394), so dass die Welt nach Österreich kommt und bei dem Ehepaar Zweig im Paschinger Schlössl auf dem Kapuzinerberg ein und aus geht. 1931 wacht Zweig eines „Novembermorgens“ auf und ist „fünfzig Jahre alt“ (403): „Die Sicherheit, die ich in der Frühzeit meines Elternhauses gekannt und die im Kriege verloren gegangen war, sie war wiedergewonnen aus eigener Kraft. Was blieb noch zu wünschen?“ (405). Es sollte ihm nicht vergönnt sein.
Heimatlosigkeit – in der Welt verloren
„Dann kam der Reichstagsbrand, das Parlament verschwand, Göring ließ seine Rotten los, mit einem Hieb war alles Recht in Deutschland zerschlagen“ (413). Mit allen Konsequenzen. Die „beunruhigend Nachbarschaft“ zwischen dem Salzburger Haus und dem „Berchtesgardener Berg“, „auf dem Adolf Hitlers Haus stand“ war sehr präsent (428). Obwohl die Herrschaft der Nationalsozialisten in Österreich erst mit dem Anschluss 1938 griff, hat der Autor mit jüdischen Wurzeln in seiner Weitsicht bereits nach einer willkürlichen Hausdurchsuchung Anfang 1934 sein Salzburger Domizil verlassen und beobachtet das Zeitgeschehen kritisch aus dem Exil in London, besonders die verfehlte Impeacement-Politik der britischen Regierung. Seine Bücher wurden in Deutschland sofort verboten.
Im gleichen Jahr, als Wien und ganz Österreich zur „Beute“ (454) Hitlers wurden und die „sadistischen“ (461) Repressionen gegen Juden einsetzen, stirbt seine vierundachtzig Jahre alte Mutter, ohne dass er sie besuchen kann. Typisch für seinen unpersönlichen Stil schildert Stefan Zweig diese Umstände nur sehr knapp. Dagegen hat er die Arbeit für Richard Strauß als Librettist für die Oper „Die schweigsame Frau“, deren Uraufführung in Dresden und Absetzung durch die Nazis lang und breit ausschmückt.
Während ihm Europa bereits als „todgeweiht (…) durch seinen eigenen Wahn“ (451) erschien, bereiste er Südamerika (Argentinien, Brasilien) und sieht hier eine „Verheißung“ für „einen Blick in die Zukunft“ (452 f.). Ein kleiner Hoffnungsschimmer und mit Kriegsbeginn auch sein nächster Zufluchtsort.
Dem Weltbürger Zweig ist mit Vertreibung aus seiner Heimat, der Aberkennung seines österreichischen Passes und den Repressalien in seinen Gastländern mit Beginn des zweiten Weltkriegs das Fundamt seiner Existenz entzogen. „Ständig wurde man vernommen, registriert, numeriert, perlustriert, gestempelt“, eine permanente „Erniedrigung“. Stefan Zweig fühlt sich im Exil „nie mehr ganz mit“ sich „zusammengehörig“, das „Ich (…) zerstört“ (466 f.).
Sehr deutlich zeichnet er den Leidensweg des Judentums unter Hitler (481 ff.) und ihren Exodus nach, obwohl er die katastrophale Vernichtung des europäischen Judentums und den Mord an 6 Millionen jüdischen Menschen in den letzten Kriegsjahren noch nicht wissen konnte. „Das Tragischste an dieser jüdischen Tragödie (…) war, daß, die sie erlitten, keinen Sinn mehr in ihr finden konnten und keine Schuld“ (483), wie das Leid Hiobs. Selbst „Freud (…) wußte (…) keinen Sinn in diesem Widersinn“.
Europäer und Pazifist
Zweifellos war Stefan Zweig ein eingefleischter Europäer, der für Frieden und Verbrüderung eintrat, wenn auch nicht offiziell politisch und nicht als heldenhafter Kämpfer, wie er selbst eingesteht. Der Gründer des Zionismus Theodor Herzl gab ihm in frühen Jahren die Weisheit mit auf den Weg (127 ff.): „Alles, was ich weiß, habe ich im Ausland gelernt. Nur dort gewöhnt man sich in Distanzen zu denken“ (134). Diese Distanz zum Nationalen hat er mit Reisen in die Welt (Indien, Amerika, etc.) kultiviert und sogar gelernt, „Europa (…) nicht mehr als die ewige Achse unseres Weltalls zu betrachten“ (217).
Das pazifistische Ziel wollte er über seine Literatur und die Pflege unzähliger Freundschaften erreichen. Hervorzuheben sind seine Verbindungen zu dem belgischen Maler Emile Verhaerens (147 ff.), „Antinationalist(en)“ (166) und Vorreiter des Pazifismus in Paris wie Romain Rolland (235 ff.) sowie zu Walther Rathenau (212 ff.), der sich unter „Einsatz seines Lebens“ der Idee verschrieben hatte, „Europa zu retten“ (215). Zweig hatte über viele Jahre erlebt, „dass sich Europa (…) sorglos freute seines kaleidoskopischen Farbenspiels“ (155), um dann „machtloser Zeuge (…) des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei“ (15) zu werden.
„Wir mussten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann“ (22). Sigmund Freud (475 ff.), der „Fanatiker der Wahrheit“, mit dem er zeitlebens bis zu seinem Tod in London eng befreundet war, ruft er als Zeugen für das Irrationale und den Todestrieb auf, obwohl er diesen Fachbegriff von Freud seltsamerweise nie verwendet (stattdessen „Vernichtungstrieb“, 480).
Literat
In den zwanziger Jahren gehörte Stefan Zweig zu den meistgelesenen deutschen Autoren, weltweit war er vielleicht sogar der am häufigsten übersetzte, berühmter als der Nobelpreisträger Thomas Mann. Allein die „Sternstunden der Menschheit“ erschienen in der Inselbücherei 1927 in einer Auflage von über 250.000 Exemplaren.
In Berlin und Paris hat Zweig nach der Jahrhundertwende die „neue Literatur“ (137) und mit ihr den „Reiz des Exotischen“ (145) gesucht und an Übersetzungen anderen Autoren gearbeitet. Noch wollte er nicht mit „voreiligen Publikationen vor die Welt treten – erst von der Welt ihr Wesentliches wissen“ (147). Seine eigenen Werke, die nach der Studienzeit und vor dem ersten Weltkrieg entstehen, wollte er später nicht neu auflegen lassen – heute gibt es sie alle (und ich kann sie nicht empfehlen).
Seine zahlreichen Novellen und subjektiv gefärbten Biographien ab den 20ger Jahren sind einem Stil des Realismus verbunden, anders als die „sentimentalen Romane oder Novellen“, die so „benannte (…) ‚schöne‘ Literatur ohne „aufrichtige Darstellungen“ im Fin de Siècle. Das „Peinliche und Wahre“ und „unverfälschte Schilderungen der wirklichen Zustände“ (92) sind das Kennzeichen. Dabei interessiert Zweig eher die psychologische Persönlichkeit der Verlierer. „In meinen Novellen ist es immer der dem Schicksal Unterliegende, der mich anzieht, in den Biographien die Gestalt eines, der nicht im realen Raum des Erfolgs, sondern einzig im moralischen Sinne recht behält, Erasmus und nicht Luther, Maria Stuart und nicht Elisabeth“ (201).
Über seinen Erfolg reflektierend, macht Zweig bei sich eine Besonderheit aus: „Jede Weitschweifigkeit, alles Schwelgerische und Vage-Schwärmerische, alles Undeutliche und Unklare, alles Überflüssig-Retardierende (…) irritiert“ (364) ihn. Deshalb ist die „eigentliche Arbeit, die des Kondensieruns und Komponierens, (…) ein ständiges Verdichten und Klären der inneren Architektur.“ Sein „Ehrgeiz, immer mehr zu wissen, als nach außen hin sichtbar wird“, und „gleichzeitig das Tempo“ zu „steigern“ (365) sieht er als das Prinzip der „Wirkung“ seiner Bücher (366). Das trifft nicht, was ich mit dem Erzählstil Zweigs verbinde – das möge aber jeder selbst herausfinden.
Ein Fetisch literarischer Art muss erwähnt werden. Zweig baute über die Jahre eine beträchtliche Sammlung von „Urschriften oder Entwürfe von Dichtungen oder Kompositionen“ auf (Beethoven, Goethe, Bach u.va.), weil diese Quellen den Akt der „Schöpfungswut“ unmittelbar spiegeln und auf ihn „geradezu physisch erregend“ (194) wirkten. Diese wertvollen Dokumente musste er alle in Salzburg zurücklassen – ich weiß nicht genau, was davon heute noch als Sammlung existiert.
Wenigstens ist eine dunkle Prophetie von ihm nicht eingetroffen: „In der Ferne verlernt man das Beste, keiner von uns hat im Exil noch etwas Gutes Geleistet“ (389). Das hier dargestellte Buch ist eben gerade im Exil entstanden, wurde erst posthum veröffentlicht und zählt zu den bedeutendsten von Zweig.
Lebensbilanz
Die Schachnovelle und Die Welt von Gestern sind zwei Werke, die auch heute noch beim Publikum beliebt und sehr lesenswert sind. Alle Bücher von ihm sind meines Wissens aktuell aufgelegt, insofern hat sein literarisches Erbe Bestand.
Irritierend ist, dass sein Verhältnis zu seinen Eltern, vor allem das zu seinen beiden Ehefrauen in der Autobiographie nicht im Mindesten gestreift wird, was Fragen aufwirft. Einzelne Zweig-Forscher (z.B. Ulrich Weinzierl) haben Material von Zeitgenossen zusammen getragen, welches das Bild eines selbstdarstellenden und ungeliebten Sonderlings zeichnen, der in der Vergangenheit hängen geblieben ist. Sein Freund und Kollege Joseph Roth musste ihn 1933 in mehreren Briefen zur Opposition gegen die Nazis auffordern. Und nicht zuletzt hat der Verdacht auf die Neigung Zweigs zum Exhibitionismus in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg an dem Image des Schriftstellers gekratzt. Aber schmälert das den Wert seiner meist so treffenden Beschreibung der Welt von gestern? – Ich finde nicht. Auch Stefan Zweig selbst empfindet sich als gebrochene Existenz, der mit seiner Lebensaufgabe gescheitert ist, an den Wendungen der Zeit verzweifelt und die Hoffnung verloren hat.
„Denn die innerste Aufgabe, an die ich alle Kraft meiner Überzeugung durch vierzig Jahre gesetzt, die friedliche Vereinigung Europas, sie war zuschanden geworden“ (492). Das Ende des Krieges und die Neuaufbau Europas, an die er nicht mehr geglaubt hat, wird er nicht mehr erleben. Ende Februar 1942 nimmt er sich mit seiner zweiten Frau zusammen das Leben. Die Entwurzelung seiner Existenz, wie er sie beschreibt, war zu groß, als dass er es hätte aushalten können:
„Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Russland und vor allem jene Ärzte Pest Komma den National den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität“ (14 f.).
Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Insel Verlag 2014, 6. Aufl. 2022 (original 1942), 501 Seiten.
Die Bilder wurden, wenn nicht anders angegeben, aus öffentlichen, frei lizensierten Quellen entnommen (Wiki) oder von mir (ab-)fotografiert.
Links:
Bilder einer verlorenen Zeit
Artikel von Lukas Pallitsch in „literaturkritik.de“ über die kommentierte Ausgabe von „Die Welt von Gestern“ (kurz und knapp)
Jan Küveler: Stefan Zweig war ein Exhibitionist
Artikel aus „Die Welt“ vom 18.09.2015 (Kultursensationsjournalismus, aber verschafft einen Überblick)
Stephan Resch: Der Exhibitionist in Stefan Zweig, der Voyeur in uns
Artikel von Stephan Resch in „literaturkritik.de“ über das Buch von Ulrich Weinzierl „Stefan Zweigs brennendes Geheimnis“, 2015 (schön zusammengefasst, worin der zweifelhafte Mehrwert solcher Studien liegt).

„Als ich Ludendorffs Frau war“…
erzählt aus dem gemeinsame Leben mit ihrem Mann Erich bis 1925. Ein nettes Zeitdokument über das Gedankengut der national und völkisch eingestellten Militärelite.

Theodor Heuss erzählt aus seinem Leben.
Schon in jungen Jahren trieb das Politgeschäft den bekannten Schwaben nach Berlin. In seinen Memoiren lässt er unzählige Begegnungen Revue passieren.
Blogbeiträge-Abo
DSGVO-konform!