Für Raimund (geb. 1907) waren die Kriegsnachrichten im Berliner Alltag das Spannendste: Technik, Strategie, ein Spiel, weit entfernt und mit viel Raum für die kindliche Phantasie. Auch das Ende war kaum real zu greifen, wohl aber die Oktoberrevolution (1918), bei der nun tatsächlich in Berlin direkt vor seinem Haus geschossen wurde. Dass sich die Sozialdemokraten mithilfe der rechtsgerichteten nationalen Freicorps gegen die Kommunisten durchsetzten, machte den Anfang der Weimarer Demokratie mehr als fragwürdig. Für den Jugendlichen Reimund wie für viele andere war das alles unverständlich, denn die Leute erzählen noch 1920 ernsthaft, dass der Kaiser wiederkäme.
Auch für die komplett verrückte Zeit der Inflationswirren, war der 16-Jährige noch zu jung. Findige, vor allem junge Berliner spekulierten an der Börse, weil Aktien 1923 das einzig Wertvolle zu sein schienen. „Yuppies“ schossen aus dem Boden, die Verzweiflung schlug in Vergnügungssucht um …
Erst die Stresemann-Ära (1924-1929) brachte Ruhe, Frieden und nach dem Wirtschaftskollaps wieder deutlich mehr Wohlstand. Der Deutsche frönte dem Privatleben, der Massensport als neues Hobby verzauberte alle, Internationalität war großgeschrieben, außer Franzosen und Engländern tummelte sich die ganze Welt in Berlin. Frauen und Männer definierten sich neu.
„Berlin war damals eine ziemlich internationale Stadt. (…) ‚wir (…) waren nicht nur fremdenfreundlich, sondern fremdenenthusiastisch (…).“ (79).
„Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern waren offener und freie als je (…). Wir hatten schon nicht einmal mehr verächtliche Überlegenheitsgefühle, sondern nur noch staunendes Mitleid für jene Generation, die in ihrer Jugend nur unerreichbare Jungfrauen zum Anschwärmen und Huren zum Abreagieren hatten (79).
Selbst Haffner ist im Rückblick aus dem Exil 1939 erstaunt: „ich weiß nicht, was heute schwerer zu begreifen ist: dass es dies einmal in Deutschland gegeben hat (…) oder: dass es so spurlos weggewischt werden konnte“. Denn nach den schweren Jahren von 1929-1933 geschieht am 23.03.19933 die zweite Revolution, bei der alles gleichgeschaltet wird und nichts mehr von dem Bunten und Weltoffenen bleibt …
Angriff auf das Private
Während Sebastian Haffner von der Zeit vor 1933 nur einzelne Eindrücke und Geschichten privater Natur einfließen lässt, die seine Sicht illustrieren, berichtet er aus 1933 viel persönlicher von seiner Liebe, dem Schicksal seiner jüdischen Freunden, dem Terror, der auch an seine Haustüre geklopft hat. Absolut spannend und bedrückend zu lesen. Obwohl die Machtübernahme Hitlers zunächst nur eine Nachricht aus der Presse war, die man kaum ernst nahm, beeinflusste das Regime in nur wenigen Wochen alles bis in das Privateste. Kein Entfliehen mehr möglich: Ausreiseverbot und Berufsverbot für Juden, Nazis von heute auf Morgen als Entscheidungsinstanz in allen Behörden, Verbot zahlreicher Zeitungen und deren Nazifizierung, Denunziation, Deportation und angeblicher „Selbstmord auf der Flucht“ von Gegnern.
„Widerstand gab es in ganz Deutschland höchstens als individuelle Verzweiflungstat“ (130).
„Lernen wir beten: Die Juden sind schuld, anstatt: Der Kapitalismus ist schuld. Vielleicht wird uns das erlösen.“ (133).
„Wir waren verfolgt bis in die Schlupfwinkel unseres Privatlebens (…). Zugleich wurde man täglich aufgefordert: nicht, sich zu ergeben, sondern: überzulaufen. Ein kleiner Pakt mit dem Teufel – und man gehört nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern“ (198).
Wie perfide das Hitler-System funktioniert hat, zeigt sich dann in der ausführlichen Schilderung, wie der Jura-Referendar Reimund 1933 in ein Ausbildungs-Lager interniert wird und dort erzwungen Deutschtum und Kameradschaft erlernen soll, „marschieren, singen und grüßen“ (264). Natürlich hat er mitgemacht. „Wir alle sangen. (…) Indem wir uns auf das Spiel einließen, das da mit uns gespielt wurde, verwandelten wir uns ganz automatisch – wenn nicht in Nazis, so doch in brauchbares Material für die Nazis. Und wir ließen uns darauf ein. Warum eigentlich?“ (266). Diese „Kameradschaftshurerei“ (…) zersetzte „alle Elemente von Individualität und Zivilisation“ (279, 282). Nicht umsonst schreibt Haffner darüber meist nicht in Ich-Form, bewusst und als „Pointe“ (274), denn das Ich spielte keine Rolle mehr …