Naturalistische Suggestion

Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze – Hans Baluschek

Wenn man sich mit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts beschäftigt, begegnen einem zwangsläufig Gemälde des Berliners Hans Baluscheks als illustratives Material. Ähnlich wie → Reinhold Nägele in Stuttgart gilt Baluschek als Dokumentator der Metropole dieser Zeit mit eindrücklichen Straßenperspektiven, romantisch wirkenden Industriekomplexen und harten wie unschönen Szenen des menschlichen Elends der Großstadt. Mir waren „Molkenmarkt“ (1929), „Bahnhofshalle“ (1929) und „Großstadtlichter“ (1931) bekannt. Der Grund, warum ich mich für den Künstler interessiert und ihn recherchiert habe.
Was ich nicht wusste, war, dass ich einen Teil seines Werkes schon viel länger kannte, ohne es mit diesem Namen zu verbinden. Denn Hans Baluschek hat die 1919 in der Verlagsanstalt Klemm erschienene Ausgabe des berühmten Kinderbuchs Peterchens Mondfahrt illustriert – und diese Bilder kennt zumindest meine Generation noch fast durchgängig. Verzierter, farben- und goldprächtiger Jugendstil mit der Phantastik des Symbolismus, was mit dem sonstigen Werk auf Anhieb wenig gemein hat. 

 Bilder von Hans Baluschek waren in der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ im letzten Jahr in Mannheim nicht zu sehen – vermutlich, weil das Oeuvre üblicherweise als Naturalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder als kritischer bzw. Berliner Realismus klassifiziert wird, obwohl es in den späteren Jahren aus meiner Sicht perfekt in die Ausrichtung der Neuen Sachlichkeit passt. Wie Hans Baluschek selbst von sich schreibt, könnte seine Kunst „naturalistisch erscheinen. Sie soll so wirken – das gebe ich zu – allerdings nur, um die Suggestion meiner Welt recht stark zu gestalten“ (Bröhan 140). Es steckt nämlich ein Konzept der subjektiven Typisierung der Realität dahinter, die perfekt zur Neuen Sachlichkeit passt und ihm die böse Kritik wilhelminischer Zeitgenossen einbrachte, dass bei Baluschek „zu viel Pütze“ und „zu wenig Parfüm“ vorhanden wären. Davon mehr nach einem Blick auf sein Leben und Werk.

 1. Der Künstler und sein Werk

Ein Bürgerlicher malt das Proletariat
Hans Baluschek wird 1870 als Sohn eines Vermessungs- und Eisenbahningenieurs in Breslau geboren. Der Familie lebt im allgemeinen aber kurzen Aufschwung nach dem Sieg über Frankreich in bürgerlichem Wohlstand, zog in der darauf folgenden Wirtschaftskrise nach Berlin in verschiedene Wohnungen. „Die Lebensumstände des heranwachsenden Hans Baluschek in Berlin lagen an der Grenze zwischen bürgerlichen und kleinbürgerlich-proletarischen Milieu“ (Bröhan 18). Immerhin hatten die Familie ein Dienstmädchen, dem Baluschek eine Erinnerung verdankt, die ihn stark geprägt hatte.
„Als ich ein zehnjähriger Junge war, verpflanzte mich unser Dienstmädchen in die Hasenheide, wenn sie an manchem Sonntagnachmittag mit mir spazieren gehen wollte. (…) Nie habe ich mich bedrückter gefühlt als an jenen Sonntagen. Und da fing es an. – Das menschliche Leid trat immer näher an mich heran, das Elend und der Jammer quollen nur so auf mich zu und fraßen sich in mich hinein. Hinter den Freuden des Sonntags lauerte es. (…) Arbeiter, Kleinbürger, Spießer, Dirnen, Zuhälter entstanden in meiner Kunst zu …“ (Bröhan 140 f.). Der sensible Junge wendet sich von dem, was auf den Straßen Berlins offensichtlich ist, nicht ab wie die vielen anderen, sondern es inspiriert ihn Zeit seines Lebens, die Realität zu suchen und sie zu verbessern.
1889 macht er Abitur und geht dem Berufswunsch, Maler zu werden, an der Hochschule für bildende Künste nach, die er 1893 abschließt. Aus „bürgerlicher Familie stammend, in humanistischer Tradition erzogen und akademisch ausgebildet, waren alle Voraussetzungen für eine Künstlerkarriere im Bildungsbürgertum des Wilhelminismus geschaffen“ (Bröhan 25). Doch seine Kindheitserlebnisse und die bewusste Beschäftigung mit sozialkritischen Theorien aus dem Kreis naturalistischer Autoren lässt ihn einen anderen, schwereren Weg „in Opposition zur wilhelminischen Kunstauffassung“ (Bröhan 29) gehen.
In der Zeit von 1894-1914 entdeckt Baluschek die dunklen Winkel und die Außenbezirke von Berlin, die Gossen und den Rinnstein, Fabriken und Vergnügungsplätze für die Armen, Rotlichtviertel und Bahnhofssteige, Arbeiterversammlungen und den proletarischen Feierabend für sich als Motiv seines künstlerischen Protests. Seien Arbeiten in dieser Zeit gelten als naturalistisch, allerdings wirken die Figuren gleichzeitig lebendig in den Details und typisiert als Beispiel für eine ganze Klasse von Menschen, die das gleiche Schicksal teilen. Analog zu den Bildinhalten verwendet er für den „stumpfen Gesamtausdruck“ (Baluschek in Bröhan 24) Aquarell, Ölkreidestift und Gouache, für ausgewählte, große Motive in Öl. Herausragende Bilder für mich aus dieser Zeit sind: „Vergnügungspark“ (1895 s.o.), „Eisenbahnerfeierabend“ (1895), „Kohlenfuhren“ (1901), „Mittag bei Borsig „(1911), „Berliner Rummelplatz“ (1914), die ich aus rechtlichen Gründen hier nicht alle zeigen kann, aber über die Verlinkung aufrufbar sind. 

Der anfänglichen Kriegsbegeisterung, die er mit fast allen deutschen Künstlern teilte und mit einigen Grafiken und „sachlichen Darstellungen modernen Kriegsgeräts“ (Bröhan 91) unterstützte, folgt nach dem eigenen Kriegserleben eine Ernüchterung, die sich in realistischen Szenerien von Begräbnissen und Leid niederschlagen. Der Tod in verschiedener Erscheinungsweise wird fortan ein wichtiges Motiv bleiben.
1920 wird Baluschek Mitglied der Sozialdemokraten, steuert Illustrationen zu verschiedenen Publikationen der Partei bei und engagiert sich als Dozent in der Volkshochschule. Er ist Maler gesellschaftlich anerkannt, die sozialen Themen seiner Bilder haben weiter Aktualität, so dass er in den Motiven den Berliner Alltag des Volks beibehält, sich im Stil aber leicht verändert, indem er das Spektrum der Szenen erweitert auf „normale“ Begebenheiten wie bei „Großstadtlichter“ (1931, s.o.),  und Stadtpanoramen als Auftragsarbeiten wie „Alt-Berlin, die Jungfernbrücke“ (1927) oder „Unter den Linden“ (1930), was ihm den Ruf als Dokumentator und Stadt-Chronisten einbrachte.

Kunstkritik und Erfolg 
„Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, (…) sich an den Idealen wieder aufzurichten. (…) Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideen zu hüten (…), sich an dem Schönen zu erheben. (…) Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, (…) und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muß sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt“ (Bröhan 8), sprach Wilhelm II 1901 in einer Ansprache und verfasste damit das Manifest der Kunstauffassung seiner Kaiserzeit. Kunst muss erheben und Ideale verkörpern. Kein Wunder, dass in diesem Zeitgeist der Kritiker Willy Pastor über Baluschek in einer der ersten Ausstellungen der Sezession schreibt: „Einige wandten sich ab. Aber das thaten sie nur, weil der Künstler da zum geschmacklosen Volke der – Naturalisten zu gehören schien. Zu wenig Parfüm und zu viel Pfütze“ (Brohan 42 f.). Der Blick auf die Berliner Realitäten des Volkes war für den Kunstbetrieb dieser Zeit mehr als ungewöhnlich, geradezu anstößig. Gleichwohl formiert sich eine Generation von Künstlern, die gegen das wilhelminischen Kunstideal opponieren, vornehmlich Impressionisten und Pointilisten, aber auch eine kleine Gruppe von sozialkritischen Malern – gemeinsam gründen sie 1898 die Berliner Secession, zu der auch Baluschek neben Lovis Corinth und Max Liebermann von Anfang an gehört. Die zunehmende Beliebtheit bei einem modernen Kunstpublikum dieser Vereinigung und ihrer Ausstellungen fördert auch die Etablierung Baluscheks, der 1908 ihr Vorstand wird.
Auch andere Künstler tun sich schwer mit Baluschek wie Max Beckmann, der 1907 mit ersten Ansätzen eines expressionistischen Stils zur Berliner Secession gestoßen war. Er schreibt 1908/9 in sein Tagebuch: „Es ist zu dumm, dass er gar keinen malerischen Stil hat, er arbeitet wie ein farbiger Fotograph. (…) Schade daß der Kerl so ein malerischer Spießer ist“ (Bröhan 59). Baluschek ist sich des Unverständnisses seiner Kollegen bewusst: „Man hat mir meine ‚Motive‘ vorgeworfen, man klagte mich an, ich verstieße gegen die Gesetze der Schönheit. (…) Der Impressionist rügte, meine Malerei sei keine ‚Malerei‘. Der Symbolist und Phantast wurde ob meiner Phantasielosigkeit vom Ekel gepackt“ (Bröhan 139).
Dennoch erkämpft sich der Maler des Proletariats einen Platz in der Kunstwelt, die Nationalgalerie kauft 1917 „Der letzte Wagen“ (s.u.) an. In den Zwanzigern zählt er zu den Honoratioren der Kunst, 1923 eröffnet er gemeinsam mit dem Reichspräsidenten Friedrich Erbert die Großer Berline Kunstausstellung. Auch familiär hat er in zweiter Ehe mit Irene, die er 1913 heiratet, Glück. Das Vatersein zweier Töchter bedeutet ihm viel. Der Stadtbezirk Schöneberg stellt ihm für seine Verdienste von 1929-1933(?) eine Atelier-Wohnung in den Ceciliengärten Nr. 27 zur Verfügung.
In der Zeit der Wirtschaftskrise 1930 erkrankt er an einem Nierenleiden. Die finanzielle Situation ist nicht einfach und der Aufstieg der Nationalsozialisten machen ihm als Republikaner zu schaffen. Als sozialistischem Maler erfährt er ab 1933 starke Repressionen, muss aus seiner Wohnung ausziehen und kann nur noch begrenzt arbeiten. 1935 erliegt er seinem Leiden.  

„Im Kampf um meine Kunst“ 
Nicht jeder Künstler lässt sich in der -ismen-Bedürftigkeit der Kunstgeschichte einordnen – die Schaffenszeit von Baluschek umfasste zudem gut 40 Jahre, in der sich der Stil der Zeit stark wandelte. 1920 beschreibt er in einer Zeitschrift (Gartenlaube Jg. 68, Im Kampf um meine Kunst, 448 f.; zit. Nach Bröhan 139-142) auf mehreren Seiten, was ihn bei seiner Arbeit bewegt hat und sich als Grundprinzip durchzieht.
„Für mich ist Kunst der Künstler, der Eigenmensch“ – nicht Epoche, nicht Ismus, sondern die Persönlichkeit, die sich in der ihr eigenen Weise ausdrückt. „Ich bin eben Ich, meine Kunst könnte naturalistisch erscheinen. Sie soll so wirken – das gebe ich zu“. Unbestreitbar ist die realistische Darstellung der vollen Bandbreite des menschlichen Lebensalltags sein Metier. Genau das nimmt Baluschek für sich in Anspruch: „Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern“. Die Technik dazu beherrscht er meisterlich, was selbst von den Kritikern anerkannt wird.
Die Gemälde und Zeichnungen wirken in der Detailtreue und den Relationen absolut wirklichkeitsgetreu. Muss man sich also vorstellen, dass der Künstler eine genau so erlebte Szene wie ein Foto auf die Leinwand überträgt? – Auf den ersten Blick erscheinen sie wie direkt aus dem Leben gegriffen, weshalb der Stempel „naturalistisch“ als negatives Urteil der Kritik gemeint war, ein einfältiges fotografisches Abbilden. Wenn man sich eingängiger mit einzelnen Werken befasst, befremdet manches und lädt zum Innehalten an. Sind die Gesichter der Frauen in „Arbeiterinnen“ (1900, s.u.) Individuen oder sind sie nur Typen einer gleichförmigen Masse? Stehen Prostituierte so auf der Straße wie in „Großstadtwinkel“ (1929 s.u.), oder präsentiert uns der Künstler hier bewusst verschiedene Perspektiven und Posen? Lagen die Menschen in „Sommerabend“ (1928, s.u.) wirklich an einem bestimmten Abend so auf der Wiese, oder stellen die jeweiligen Gruppen gezielt unterschiedliche Lebenshaltungen dar? Hat man erst einmal mit dem Fragen in dieser Weise angefangen, fallen bei jedem Bild Besonderheiten und Ungereimtheiten auf, die zum Denken anregen: Was bedeuten sie?
Baluschek erklärt, was ihn grundlegend von einem Dokumentator unterscheidet: Aus den Anregungen der Umwelt „formt sich die Komposition, und aus meinem reichlichen, in meinem Gehirn aufgespeicherten Typenmaterial stellen sich die Figuren ein. (…) So bemühe ich mich, meine Stoffe in das Geistige der Dinge an sich und durch meine Tendenz ins Persönliche zu heben.“ Der erste Eindruck aus der Realität gibt den „Impuls“, dann entsteht eine Komposition, die in höchstem Maß geistige Schöpfung ist und nur mit den Mitteln des Naturalismus die eigens geschaffene Welt vermittelt, eine naturalistische Suggestion. „Studien und Skizzenblätter“ werden in seinem „Nachlass von Sammlern schmerzlich vermißt werden“– eben weil er keine „aus dem Leben gegriffene Momentaufnahmen“ (Parfüm 11) einfängt, sondern Botschaften des „Protests“ vermittelt: „Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift, sollen hauen und stechen“.
Der zeitgenössische Kunsthistoriker Franz Roh beschrieb die Kunstrichtung nach dem ersten Weltkrieg in seiner Schrift „Nachexpressionismus“ (vgl. den Artikel) von 1925 in ähnlicher Weise: „Nicht ein Abmalen, sondern ein strenges Errichten, Aufbauen der Objekte“ als eine „zweite Schöpfung“ ein „letztes Veranschaulichen des inneren Gesichts an Hand der bestehenden Außenwelt“, eine „Vergeistigung“, „geistig bezogen“, eine „magische Welt“ (Roh 36 ff.). Das ist das Wesen der Neuen Sachlichkeit. Baluschek wähnte sich, eher „Expressionist“ zu sein, weil er einem Impuls folgt, aber er passt perfekt in die Ausrichtung der Neuen Sachlichkeit, nimmt sie in manchen frühen Bildern geradezu vorweg (vgl. etwa „Neue Häuser“ von 1895). 

2. Themen der Kunst

Der Maler und sein Modell – proletarische Frauen
Kritisch auf den eigenen Beruf blickt der sensible Künstler erst vierundzwanzigjährig mit dem Bild „Malschule“ (1894, s.u.). Vor einer Versammlung von zugeknüpften Herren, ihres Zeichens Maler an der Akademie, zieht sich eine junge Frau in der Nähe eines wärmenden Ofens aus, um als Aktmodell den männlichen Augen als Anschauungsobjekt zu dienen. In der Perspektive des Bildes gehört man als Betrachtender zu den Männern, steht hinter der Gruppe und sieht zugleich deren kritische, gelangweilte oder auch lüsterne Blicke, während die junge Frau noch fast angezogen die Augen beschämt nach unten richtet. In Baluscheks Berlin Geschichten („Enthüllte Seelen“, 1920) beschreibt er eine ähnliche Szene: „Im Aktsaal der Hochschule war mein Platz in der zweiten Reihe neben Paul Senf …“ (Parfüm 62 f.). Das Modell hat Schnupfen, kann die Position deshalb nicht halten, die Männer mokieren sich, die Frau weint, fürchtet um ihr kleines Salär. In der scheinbaren Banalität dieser Szene steckt scharf beobachtet viel von den sozialen Unterschieden und dem Elend der Zeit.
Nicht umsonst ist eines der Hauptmotive von Baluschek die prekäre Situation der proletarischen Frau: „Arbeiterinnen, Ehefrauen, Mütter, Jungesellinnen, Wohnungslose oder Prostituierte“ (Parfüm 84) werden in ihrer Lebenssituation präsentiert, „ohne Spott oder Hohn“ oder gar „Verachtung“. Baluschek „beobachtet, ohne Voyeur zu sein. Mit viel Empathie und Menschlichkeit nimmt er sich der alltäglichen Probleme der Frauen an – er möchte aufklären, vermitteln“ (Parfüm 88). Auch der Zyklus mit dem heute abwertend klingenden Titel „Portraits asozialer Frauen“ (1923) will in der Typisierung von „Rummelnutte“, „Straßendirne“, „Vorstadtdirne“, „Kupplerin“, „Kokainistin“ und „Säuferin“ keine Verurteilung erreichen, sondern Mitleid für eine ganze „Schicksalsgemeinschaft“ (Parfüm 88) von Opfern erregen.

Leid, Elend, Tod  
Baluschek schreibt (Im Kampf um meine Kunst, 1920): „Armut, Beschränktheit, Not, Verkommenheit, Laster materialisierte ich – wenn auch nur zweidimensional. (…) Ich weiß, was Schönheit ist, zeige, wo sie nicht ist, und suche sie. Ich sehe das Böse und Schlimmer, konzentriere es auf einem Rechteck von Papier oder Leinwand und suche das Gute.“ (Bröhan 139). Neben den Lebensumständen von Frauen materialisiert er Arbeiterfamilien, Obdachlose, Prostituierte, Blinde, Gefangene, Opfer von Verbrechen und Leichen. Tatsächlich haben viele davon eine eigene Ästhetik, die nicht nur Grau und Grauen vermitteln, sondern auch etwas Sehenswertes. Sie sind lebendig und auch nicht, vertraut und genauso fremd, wirken nah und verloren.
Trauerzüge von Beerdigungen kommen häufiger vor und erwecken Anteilnahme und Interesse, obwohl es das Leid Unbekannter ist. Den Tod im Krieg würdigt Baluschek auf ungewöhnliche Weise; er inszeniert Särge, die feierlich in Züge verladen werden. Das Memento Mori ist als Appell in vielen seiner Werke ebenso schwer zu verdauen wie die allgegenwärtige Sozialkritik.
Nach dem ersten Weltkrieg waren die Verhältnisse der Arbeiter und Kleinbürger nicht besser geworden angesichts von Inflation und Wirtschaftskrise, weshalb es für Baluschek keinen Grund gab, Malweise und Motive zu ändern, während andere Künstler in Expressionismus, Verismus und Dadaismus explosivere Formen des Protestes fanden.
Eindrucksvoll ist „Kriegswinter 1917“, wo in einer Eisenbahn- und Kriegsfabriklandschaft ein Trauerzug zum Begräbnis zieht – eine Kombination seiner Motive. Schön und bedrückend zugleich „Obdachlose“ (1919) – das Lichterspiel im Großstadtpark überstrahlt das traurige Dasein der Obdachlosen auf den Bänken. Auch der Zyklus „Volk“ um 1925 erzählt spannende Geschichten. 

Verborgenes 
Gerade weil Baluschek nicht eigentlich Naturalist ist, sondern Konstrukteur einer geistigen Wirklichkeit mit Mitteln der Realität, haben seine Bilder Botschaften, die verborgen unter der Schicht des Äußeren liegen. Man spürt es, wenn man sich darauf einlässt. Allerdings kann ich es nicht ganz konkret greifen oder ohne Subjektivität übersetzen.
Das Bröhan Museum gestaltet 1924 genau zu diesem Thema eine Ausstellung unter dem Motto „Geheimcodes. Hans Baluscheks Malerei neu lesen!“ und kommentierte: Es „wurde übersehen, dass seine Bilder viel hintergründiger sind und voller Anspielungen stecken. Mit Bezügen zu Hexenkult, Spiritismus, okkulten Gedanken und Zahlenmystik enthalten seine Bilder zahlreiche Andeutungen, die auf die vielfältigen Konzepte des frühen 20. Jahrhunderts verweisen, eine Wirklichkeit hinter der scheinbaren Wirklichkeit zu suchen“. Leider ist die Dokumentation dieser Ausstellung nicht mehr verfügbar.
Auf einem Flyer (Link) des Bröhan-Museums wird Baluscheks „Sommerabend“ (1928, s.u.) als Darstellung der Tugenden und Laster der Menschen interpretiert. Die sieben Totsünden und sieben Tugenden waren beliebt als Motivgeber in der gesamten Kunstgeschichte. Ein interessanter Ansatz – spürbar war auch für mich, dass in diesem Bild keine Momentaufnahme dargestellt ist, sondern etwas Konstruiertes mit Botschaften. Das Entschlüsseln darf subjektiv sein, weil die Intention des Künstlers nur einer von vielen Schlüsseln zu einem Werk ist.

Eisenbahn und Technik
Der Vater von Hans, Franz Baluschek, war Eisenbahningenieur in Breslau – es wundert deshalb nicht, dass es zuhause „tagaus, tagein um Eisenbahndinge“ ging, der Junge sich dafür interessierte, von der Großmutter zum Malen von „Schienen, Weichen“ (Bröhan 15) und Signalen angeregt wird. Mit dem Umzug der Familie nach Berlin 1876 bot die Großstadt mit ihren Baustellen und Fabriken weitere Motive, die sich im Laufe der Jahre zu einer Leidenschaft für Technik entwickeln. Selbst als die Nazis dem Höhepunkt seiner Karriere 1933 aus allen Ämtern entfernen und seine als „marxistisch“ deklassieren und verbieten, bleibt ihm dieses letzte Betätigungsfeld. Vor seinem Tod 1935 kann er einen Jubiläumsband zur Deutschen Eisbahn illustrieren.
Mit den technischen Motiven passt Baluschek zum Naturalismus wie zur Neuen Sachlichkeit. Viele seiner Eisenbahnbilder dokumentieren nicht nur den Stand der Technik und zeigen die weit fortgeschrittene Industrialisierung Berlins, sondern verstrahlen eine geradezu romantische Stimmung, besonders durch winterliche Atmosphäre und dem Lichterspiel bei Nacht. In den Maschinen der Fabrikanlangen entdeckt er als einer der „ersten Maler“ die ästhetische und „künstlerische Dimension“ (Bröhan 66). Für ihn ist Technik „positive Schönheit“, wie er in Im Kampf um meine Kunst (1920) schreibt. „Zweckmäßigkeit, Rhythmus des Baus (…) – das sind ihre Eigenheiten, die ich liebe wie einen vollendenten menschlichen Körper.“ Wie ein „individuelles Lebewesen mit verschiedenster Physiognomik“ läuft die Lokomotive, „wo sie umgeben ist von dem bunten Zauber der Signallaternen, die sie leiten und warnen, wo pompöse Empfangshallen ihrer warten, Telegraphen und Glocken sie melden, da bin ich – Romantiker von heute“ (Bröhan 142).
Auch seine Entwicklung des Malstils lässt sich eindrücklich beim Technikmotiv nachvollziehen. In seinem frühen Werk zeigt sich Baluschek als Impressionist, bei dem die Eisenbahn-Motive pointilistisch an Claude Monet erinnern. Ab der Jahrhundertwende wird er detailliert und verwendet auch im Atelier Modelle, die „technisch genau gearbeitete zierliche Abbilder der Riesenmaschinen“ (Bröhan 78) darstellen. Es geht ihm in dieser Phase darum, die „künstlerisch ausgewogene Komposition mit der exakten Kenntnis der betriebstechnischen und maschinellen Einzelheit zu verbinden“. Im Gegensatz zu seiner „Rinnsteinkunst“ erhält er für diese Gemälde auch außerhalb der Avantgarde Anerkennung von der Kunstkritik. Mit dem Weltkrieg und danach vermischen sich Technik und das Erleben der Menschen in den Bildern wie in „Bahnhofshalle“ (1929) und werden zum Ausdruck neusachlicher Verlorenheit im Großstadtgeschehen.

Phantast
Seine Vielfältigkeit, die der zeitgenössischen Kunstkritik entgangen war, demonstriert der Künstler durch seine phantasievollen Illustrationen von Märchen- und Kinderbüchern. Mit den Farbtusche- und Federzeichnungen in Peterchens Mondfahrt von 1919 hat er sich ein bleibendes Denkmal geschaffen – noch heute sind Kinder und Erwachsene angetan von der Zauberkraft dieses Farbenspiels. Mich hat die Verwendung von dekorativ verwendetem Gold, Pflanzen, Tieren, Wasser und Wolken sehr an den Jugendstil und Symbolismus erinnert – das passt auch von der Zeit und Thematik – und ist sicher ein Grund dafür, warum auch ich davon angesprochen bin: die ungewöhnliche Perspektive, die skurrilen Figuren, der verborgene Humor, Übergroßes und Vielzukleines, der verspielte Blick mit dem Kinderauge.
Die Tätigkeit als Illustrator „machte Anfang der zwanziger Jahre einen Hauptteil an Baluscheks Arbeit aus“ (Bröhan 102) und dehnte sich auch auf Entwürfe und Bühnenbilder für Theater und Kino aus, wobei diese kaum erhalten sind. Max Liebermann sollen die humoristischen und kenntnisreichen Szenen aus Altberlin gefallen haben, die Baluschek bei der Gestaltung eines Gewölbekellers des Weinlokals Lutter & Wegner 1927-31 umgesetzt hat: „Wissen Se, det ha‘m Se janz jut jemacht“ (Bröhan 106). Alles im zweiten Weltkrieg zerstört.

Republikaner
Es wundert mich nicht, dass sich jemand wie Baluschek, der in so sensibler Weise das Leben der Mehrheit der Menschen in Deutschland in seiner Kunst, politisch in der Sozialdemokratie engagiert und den republikanischen Ansatz unterstützt. Er war Lehrer an Volkshochschule, Gründungsmitglied der volksbildenden „Büchergilde Gutenburg“, im amtlichen Prüfungsausschuss für Filme, Gründer der eine Künstlerkasse, Künstlerisch steuert er in den zwanziger Jahren Illustrationen für den Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei, dem größten Verein mit über zwei Millionen Mitgliedern, der die deutsche Demokratie förderte und schützte. Ebenso erscheinen Bilder von ihm in sozialdemokratischen und kulturpolitischen Zeitschriften wie „Lachen Links“, „Frauenwelt“, „Kulturwille“ u.a.
Zwei herausragende Bilder will ich noch kommentieren: „Zukunft“ stammt aus dem Jahr 1920; es fällt mit seiner Symbolkraft aus dem naturalistischen Rahmen heraus und wird mit Erlaubnis von Baluschek 1924 Titelbild einer Ausgabe der kommunistischen Zeitschrift „Sichel und Hammer“. In „Lachen Links“ erscheint die Grafik zum Reichsbanner von Baluschek 1924 und auch als Veranstaltungsplakat für eine republikanische Kundgebung (in „Wehrhafte Demokratie“, Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand 2024, S. 29).
„Mit dem Bankrott der Weimarer Republik war auch Hans Baluscheks Existenz auf einem Tiefpunkt angelangt“, schreibt die Kennerin Margit Bröhan in ihrer immer noch aktuellen Biographie von 1985. „Wirtschaftliche Bedrängnis, die niederdrückende Erkenntnis, daß die Arbeit für Demokratie und Republik umsonst gewesen war und physisches Leiden ließen seine frühere Unbekümmertheit in Resignation umschlagen“ (Bröhan 145 f.). Ohne große Hoffnung starb Baluschek am 28. September 1935. Das wechselhafte Schicksal seiner Frau und der beiden Töchter ist in einem Artikel über die Berliner Friedenau weiter recherchiert.
Sobald ich das nächste Mal in Berlin bin, muss ich ins Bröhan Museum und Stadtmuseum Berlin gehen, wo sein beeindruckendes Werk ausgestellt wird.

 

Bröhan, Margrit: Hans Baluschek. 1870-1935, Nicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann 1985, 156 Seiten.
Grundlegendes Werk zu Baluschek der Sammlerin und Kennerin.

Hoffmann, Tobias; Grosskopf, Anna; Reifferscheidt, Fabian: Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze. Hans Baluschek zum 150. Geburtstag, Wienand Verlag Köln 2020, 169 Seiten.
Gutes Bildmaterial und eine sinnvolle thematische Aufgliederung.

Bassewitz, Gerdt,: Peterchens Mondfahrt. Mit sämtlichen, teils vierfarbigen Original-Illustrationen von Hans Baluschek, Anaconda Verlag 2020/2024 (1919).

Die Bilder wurden, wenn nicht anders angegeben, aus öffentlichen, lizenzfreien Quellen entnommen (Wiki) oder von mir (ab-)fotografiert.

Bildquellen-Nachweise:
Wikipedia: Bahnhofshalle gemeinfrei, Großstadtlichter gemeinfrei, Hans Baluschek 1912 Bundesarchiv Bild 183-R05358 / CC-BY-SA 3.0, Selbstbildnis gemeinfrei, Kohlefuhren gemeinfrei, Städtischer Arbeitsnachweis für Angestellte gemeinfrei, Gedenktafel für Hans Baluschek User:OTFW Berlin CC-BY-SA 3.0, Cecieliengärten – Südlicher Bereich der Ceciliengärten mit Blick auf den Atelierturm und den Torbogen 2007 User: Emmridet CC-BY-SA 3.0, Großstadtwinkel gemeinfrei, Arbeiterinnen gemeinfrei, „Hans Baluschek: Enthüllte Seelen. Mit Zeichnungen des Verfassers. Hamburg und Berlin, Hoffmann & Campe, 1920“ gemeinfrei, Portrait einer Säuferin gemeinfrei, Arbeiterstadt gemeinfrei, Großstadtbahnhof gemeinfrei,
Projekt Gutenberg Peterchens Mondfahrt: Der Flug nach der Sternenwiese gemeinfrei, Die Schlittenfahrt auf der Sternenwiese gemeinfrei, Das Schloss der Nachtfee gemeinfrei, Ankunft der Kinder im Schloss der Nachtfee gemeinfrei, Die Weihnachtswiese gemeinfrei, Das Osterfest gemeinfrei, Der Kampf mit dem Mondmann gemeinfrei, Das Beinchen gemeinfrei.
Zeno.org – Henricus – Edition Deutsche Klassik GmbHVergnügungspark – Alte Hasenheide gemeinfrei, Mittag bei Borsig gemeinfrei, Berliner Rummelplatz gemeinfrei, Jungfernbücke gemeinfrei, Der letzte Wagen gemeinfrei, Sommerabend gemeinfrei, Malschule gemeinfrei, Kriegswinter (Friedhofsgang) gemeinfrei, Opferzyklus: Mord gemeinfrei, Opferzyklus: Der Ausreißer gemeinfrei, Kameraden/ Vom Begräbnis gemeinfrei, Häuser an der Bahn/ Tiefer Schnee gemeinfrei, Die Auswandernden gemeinfrei, Werkhaltestelle (Arbeiterhäuser) gemeinfrei, Hüttenwerk gemeinfrei, Zukunft gemeinfrei, Friedrich Ebert gemeinfrei.
Lachen Links: Lachen Links 1/1924, Reichsbanner Plakat https://doi.org/10.11588/diglit.8803#0389.

 

Links:

Hans Baluschek auf Kulturstifung der deutschen Vertriebenen
Kurze aber ansprechende Biographie

Stadt Museum Berlin Onlinesammlung Baluschek
Zahlreiche Gemälde Hans Baluscheks digital verfügbar.

Hans Baluschek & Carel Willink – Kunst für das Volk
Ausstellung des Stadt Museums Berlin 1923 zu Hans Baluschek mit Bildmaterial. 

Zeno.org zu Hans Baluschek.
Sehr umfangreiche Sammlung von Gemälden, Grafiken, Zeichenungen. 

 

Victoria Wolff: Gast in der Heimat
Rudolf Olden: Hitler der Eroberer
H.-M.Bock: Paul Leni
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Franz Roh: Nach-Expressionismus
Brigitte Reinhardt: Reinhold Nägele
Friedrich Wolf: Stuttgart
Verena Steinecke: Rebellin
Else K. LaRoe: Skalpell
Else Kienle: Frauen 1932
Die Neue Sachlichkeit
Ernst Toller: Quer
Söderström Phototagebuch
Clärenore Stinnes
Eugen Eberle
Volker Ullrich
Margarethe Ludendorff
Adolf Hölzel
Adolf Hölzel
Margarethe von Wrangell
Theordor Heuss: Erinnerungen 1905-1933
Rudolf Braune: Das Mädchen an der Orga Privat
Thomas Ziebula: Der rote Judas
Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland
Volker Weidermann: Das Buch der verbranten Bücher
Sebastian Haffner: Die Geschichte eines Deutschen
Sebastian Haffner: Von Bismarck bis Hitler
Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten
Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun?
Kurt Tucholsky: Literaturkritik
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