2. Die Grundzüge
Wäre es nicht der geschichtsträchtige Adolf Hitler, könnte man sich die Charakterisierung dem Grundduktus Rudolf Oldens folgend relativ einfach machen:
Der aus armen Verhältnissen stammende und wenig gebildete Mann findet nach einer deprimierenden Zeit als Landstreicher in einfachen Slogans der österreichischen Deutschnationalen eine Botschaft, die ihn bewegt und seine innere Leere füllt: Das Judentum erfand den Marxismus, führt den Sozialismus und strebt danach, die Welt zu vernichten. Zudem gilt ihm nach dem Krieg gemäß der Dolchstoßlegende das Judentum als allein schuldig an der deutschen Niederlage. Deshalb muss in aller Brutalität und Rücksichtslosigkeit alles Jüdische eliminiert und das arisch starke Germanische zum Sieg gebracht werden. Jedes Mittel ist dabei gerechtfertigt; Mitleid, Schwäche und Moral sind angesichts dieser größten Aufgabe für das deutsche Volk unangemessen.
So zusammengefasst wirkt es angesichts des unvorstellbaren Leides unangemessen verkürzt. Wäre es nicht Hitler, hätte man ihm nicht die Gelegenheit gegeben, seine unsinnigen Vorstellungen umzusetzen, könnte man es dabei belassen. Denn: „Da war nichts“ (277), resümiert Olden nach langen Ausführungen, was die Substanz Hitlers ausmacht, als er erst einmal an die Macht gekommen ist, außer den simplen Phrasen und Worthülsen, an die er geglaubt hat. Die Frage, „Wieso konnte es kommen?“ (350) fordert einen differenzierten Blick darauf, was den Menschen Hitler und sein Weltbild charakterisiert.
Dass ich in diesem Teil noch mehr zitiere, mitunter Zitat an Zitat reihe, liegt schlicht daran, dass Rudolf Oden derart treffend und prägnant formuliert, dass ich nicht anders kann, als ihn im Originalton zu Wort kommen zu lassen.
Beschränkte Weltsicht
„Es ist eine unendliche Naivität in dem Verhältnis des Führers zu allem Geist“ (358), fasst Olden am Ende des Buchs prägnant zusammen. Das erworbene Wissen Hitlers in seiner kurzen Bildungslaufbahn ist sehr begrenzt, weshalb sich in der Jugend „aus Unterhaltungsromanen eine Wunschwelt romantischer und glänzender Lebensumstände gebildet“ (17) hat. Nicht zu lernen, gilt ihm als geschickte Eigenwilligkeiten und ist „ein Grund zu Selbsterhöhung“ (28).
Seine weltanschaulichen Maximen, die sich in Nationalismus, Antimarxismus und Antisemitismus erschöpfen, sind Gemeingut des rechten Lagers. „Alles Wesentliche ist unverkennbar österreichisch-deutschnationales Produkt, von jedem Zeitungsleser jener Zeit in kurzer Frist erwerbbar“ (39), was Olden an Beispielen aufzeigt.
Tiefere Kenntnisse scheint er nie erworben zu haben. Über den Marxismus ist „nie ein Wort verständiger Kritik“ „aus seinem Mund“ (69) gekommen. „Er geht“ an keiner Stelle auf „ihre Lehren ein. Die Wucht der Waffe, der er gegen sie führt, scheint Nicht-Kennen zu sein“ (40). Es „liegt ihm einfach nicht, sich in das Gestrüpp wissenschaftlichen Denkens zu wagen“ (69). Olden geht sogar so weit, ihm das Studium von Büchern überhaupt abzusprechen: „Schwerlich ist der Autor jemals über die Lektüre von Zeitungsartikeln und Broschüren hinausgekommen“ (146).
Ähnlich verhält es sich mit anderen gesellschaftlichen Themen. „Hitler gehört zu den nicht wenigen Politikern, denen die Volkswirtschaft ein Buch mit Sieben Siegeln ist. Er hat auch nicht die Geduld gehabt, sich jemals mit ihr zu befassen“ (69). Deshalb variieren seine Ansichten je nach Kontext, wie bereits erwähnt, in alle Extreme.
Im kulturellen Bereich kannte Hitler auf seinem Spezialgebiet, der Malerei, nur einige Klassiker. Die Welt der Moderne mit Expressionismus, Kubismus, Dadaismus und Neuer Sachlichkeit blieb ihm völlig verschlossen. Er „wettert (…) gegen den Kitsch der neuen Kunstentwicklung, dessen Produktion allerdings auch einem Negervolke ohne weiteres möglich sein dürfte“ – eine groteske Art der Diffamierung.
Fast alle der folgenden Punkte kann man unter die Rubrik „beschränkte Weltsicht“ subsumieren.
Prophetische Berufung, Verachtung des Niedrigen, Vergötterung des Heroischen
Das Sendungsbewusstsein Hitlers ist offensichtlich und es hat tiefe Wurzeln. „Schon früh fühlte er seine Berufung zu Höherem. Er kannte oder empfand die Nützlichkeit der Tradition, daß ein Prophet aus der Niederung der Armut zu kommen hat, aber daß Niedrigkeit keine hässlichen, abstoßenden Züge tragen darf. Da musste es das Beste sein, möglichst wenig mitzuteilen (…)“ (9). Ein Grund, warum er seine Abstammung, Kindheit und Vagabundenzeit verleugnet. Stattdessen hat er sich „dem Instinkt des Propheten“ (65) folgend selbst den Nimbus verliehen, aus dem Nichts und Abseits zum Sprachrohr des Volks geworden zu sein. Doch „Hitler ist nicht der ‚Sohn des Volkes‘, er ist das Kind der Reichswehr. Sie hat ihn ausgewählt, (…) entsendet (…) und geleitet“ (65). Leider ist es „ein Verhängnis, daß die Legende lieber und inniger geglaubt wird, als die Wirklichkeit“ (65).
Schaut man genau hin, zeigt sich ein verächtliches Verhältnis zu niederen Schichten. Überall tritt bei Hitler ein extremes Gefühl hervor, wenn er von Arbeitern, Landstreichern und Armen spricht. Begriffe wie „Unrat, widerlicher Schmutz und Schlimmeres“ (26), „moralische Roheit“ (27) fallen. Es klingt eindeutig wie „Abscheu“ (27): „Man tut ihm nicht Unrecht, wenn man feststellt: er haßte die Arbeiter“ (27). „Sind dies noch Menschen, wert, einem großen Volk anzugehören“ (29), fragt der Angewiderte.
In seinen frühen Erwachsenenjahre hat Hitler gemäß der Darstellung Oldens in Wien schlechte Erfahrungen gesammelt, in extreme Armut und Verwahrlosung gelebt und ist damit nicht zurechtgekommen, scheint angefeindet worden zu sein und eine Verachtung entwickelt zu haben.
Auch in der Kunst erträgt er nur „das Prächtige, Mächtige, wenn auch Dekadente“, „das Geleckte“ (43). Er neigt überall zum Heroischen, was sich in der Liebe zu „Wagnerscher Musik“, „Feldzeichen, Fahnen, Uniformen“, Umzügen widerspiegelt (45).
„Hitlers Ruf: ‚Den Starken der Sieg, den Schwachen Unterwerfung oder Vernichtung‘ ist die Kriegserklärung an unsere geistige und sittliche Existenz“, eine „Attacke auf die Menschlichkeit“ (161) schlechthin.
Antisemitismus, sexualisierte Judenhass, Hass auf die Republik
In den Juden hat Hitler „den Teufel, seinen Teufel, den Teufel des deutschen Volks gefunden“ (41), der für alles herhalten muss. Dass auch „der Marxismus von den Juden erfunden war, löste dem nach Systematik Strebende einen großen Teil der Welträtsel“ (40). Es ist aus heutiger Sicht einfach nur grotesk, wie simpel der Antisemitismus Hitlers gestrickt ist (Hitler zitiert nach Olden): „Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird der Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen“ (40). Warum die Juden ihren Untergang und den der ganzen Welt wollen sollten, „das Rätsel bleibt ungelöst“ (40), bemerkt der Journalist. Denn es „wäre vergeblich in dem Glauben Hitlers von Juden nach Logik zu suchen (…). Der große Taktiker hat sich seither oft widersprechen müssen. Darum darf man doch nicht verkennen: im Absurdesten ist Glauben“ (40 f.).
Verbunden mit der „Erkenntnis, daß die Sozialdemokratie von Juden geführt wird“ (39), hat Hitler sein Konstrukt, um alles an der Republik verderblich zu finden. Angefangen bei den Abgeordneten, die ihm „blöde Nichtskönner, Schwätzer, Minderwertige, (…) Volksbetrüger, (…) Feiglinge, Schurken, Lumpen“ (44) sind. Alle Sozialdemokraten sind ihm zudem „Landesverräter und Deserteure“ (229) wegen des Versailler Vertrages.
Natürlich lief auch im Krieg alles schlecht wegen den Juden. „Die gesamte Produktion sei ‚unter jüdischer Kontrolle des Finanzjudentums‘ gewesen, und die Juden hätten schon damals die Revolution organisiert“ (59). Die Ursprünge der Demokratie in England sind jüdisch, wie auch die Demokratie „grundsätzlich nichts Deutsches, sondern etwas Jüdisches ist“ (91).
Das „Hauptstück des deutschen Antisemitismus“ ist, „daß die Juden den Krieg angezettelt und dann Deutschland den ‚Dolchstoß in den Rücken‘ versetzt haben, um die Weltherrschaft an sich zu reißen“ (91).
Es kommt allerdings noch ein weiteres Moment dazu. „Die Herkunft des Judenhasses aus dem Sexuellen ist bei Hitler unverkennbar“ (45). Er sieht die Juden als „Dirigenten“ des „empörenden Lasterbetriebes des Auswurfs der Großstadt“ (46). Und Olden wittert einen „Sexualneid“ (163) auf die erfolgreichen Juden, die sich in Wien mit den schönsten Frauen umgeben. „Man fühlt die Not des Einsamen, Unbefriedigten, wie das Liebesglück der anderen ihn verzehrt.“ (47), wenn Hitler zürnt: „Planmäßig schänden diese schwarzen Völkerparasiten unsere unerfahrenen, jungen, blonden Mädchen und zerstören dadurch etwas, was auf dieser Welt nicht mehr ersetzt werden kann“. War es womöglich ein eigenes „Erlebnis“, wenn er erotisch phantasiert „Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet“ (47)?
Hass und Schmährede sind der Grundton, wenn sich der überall bekannte Redeschwall Hitlers, von Olden „Katarakt“ oder „Schwall der Worte“ (212) genannt, über seine Zuhörer ergießt. „Der Angriff richtet sich gegen Mancherlei: Gegen den schmachvollen Frieden von Versailles, gegen Franzosen, Sowjetrussen, Marxisten, Versöhnungspolitiker, Pazifisten. Aber letzten Endes geht er immer gegen ‚den Juden‘“ (89).
Demagogie, Brutalität, Rachsucht
Demagogie charakterisiert die Kunst Hitlers am besten, da es diesem nach Olden nicht darum ging, zu „überzeugen, er ging allein auf Faszination aus“ (78), immer gepaart mit einer übergriffigen Gewalt gegen sein Publikum. Er war schon in München ein „Diktator in der Bierstube“ (79). Rigoros, nicht nur in der Rede, sondern im praktischen Handeln ließ er von seinem eigenen Ordnungstrupps alle Störer seiner Reden entfernen und verprügeln. Das hat Methode. „Er nimmt den gegnerischen Terror als Vorwand und Anlaß, selbst Terror anzuwenden und ihn zu verherrlichen.“ Das „Patentrezept“ dabei: „fremde Gewalt erfinden oder maßlos aufzubauschen, um den weibisch-feigen Teil der Masse mit Entzücken an der eigenen Gewaltsamkeit zu erquicken“ (79).
„Hitlers Rede ist ein Phänomen, ein Naturereignis“. Man wird von der „gewaltigen Menge an Wortmaterial“ (88) überwältigt, fast wie das „in Zungen“ reden an Pfingsten, ein „Durchbruch des Unbewupten“ (…), daß Sinn und Wahnsinn sich vermischen (…). Die Unhypnotisierbaren gehen geekelt fort, um nicht mehr wiederzukehren. Die Anderen sind ihm verfallen. Denen ist er der Erlöser, der nationale Heiland.“ (88)
„Daß durch kluge und dauernde Anwendung von Propaganda einem Volke selbst der Himmel als Hölle vorgemacht werden kann“ (85) bringt Hitler in guter Tradition der wilhelminischen Kriegspropaganda auf den Punkt. „Er charakterisiert selbst sein System der Aufreizung erstaunlich treffend: Vehemenz, Extrem, Fanatismus, Hysterie“ (87). Das „geheimste Mittel seines Erfolgs“ (85) beschreibt Hitler, wenn der „Größe der Lüge“ als einen Faktor der Glaubwürdigkeit bei der „primitiven Einfalt“ des Volksgemütes bezeichnet und sich dieser Methode reichlich bedient.
„Die Anwendung von Gewalt war das erste und vornehmste Element von Hitlers Propaganda. Nich lange, nachdem es sich in den Versammlungen bewährt hat, geht der Führer daran, ganze Städte (…) zu terrorisieren“ (81). Der Hang zur Gewalt tritt überall hervor. „Unduldsamkeit, Rücksichtslosigkeit, Brutalität“ sind schon in der Sprache Hitlers „seine Lieblingsworte“ (81). Der „Appell an die Gewalt“ ist unüberhörbar durch die permanente Androhung, dass „Köpfe rollen werden“ und Gegner der „Strang“ zuteil werden möge (87).
In Mein Kampf nennt Hitler die „‚sogenannte Humanität‘ den ‚Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen‘. Er preist und lobt immer wieder ‚brutale Gewalt‘ und ‚barbarische Rücksichtslosigkeit‘. Es bleibt kein Zweifel, wohin es ihn zieht“ (150 f.).
Alle, die Hitler auf seinem Weg behindert oder ihn nach seiner Ansicht verraten haben, lässt er seine Rache spüren. „Von seinem Charakter mag vieles unbestimmbar sein: gewiß [ist], daß er rachsüchtig ist, daß er weder verzeiht noch vergibt“ (226). Im Mai 1934 lässt Hitler unter dem Vorwand eines angeblichen Putsches viele treue Parteisoldaten (Röhm, Strasser) und einstige vermeintliche Widersacher (Kahr, Lessow, Streicher u.v.a.) ohne Gerichtsverfahren ermorden.
Ein ehemaliger Weggefährte, Arthur Dinter, beschreibt Hitler in dieser Hinsicht treffend: „Wer sich dem Führer nähert, wird durch seine Kälte und Brutalität zurückgestoßen. Er ist ein berechnender Demagoge, (…) dem jedes Mittel recht ist, um die Massen zu betrügen, der sich an seiner Eitelkeit berauscht“ (179).
Manie und Depression – psychopathologische Charakterisierungen
Der belesene Publizist Olden findet verschiedene psychologische bzw. psychopathologische Begriffe, um Hitler zu charakterisieren, was sicherlich für seine Zeit relativ originär war. Diese laienhafte Anamnese ist natürlich nicht unproblematisch, aber durchaus erhellend.
„Er ist zu egozentrisch, zu selbstbewußt, zu narzistisch, um nur (…) Soldat zu sein“ (66), ist noch eine harmlose psychologische Einordung. Pathologischer: „Er ist ein manisch-depressiver Typus“ (30). Older beschreibt Hitler in seinem Handeln oft als passiv und abwartend, gar führungslos in bestimmte Zeiten, zurückgezogen in sich, manchmal wochenlang, unentschlossen und depressiv. Dann wieder bricht es aus ihm heraus. „Er hat seine Anfälle, in denen er, Schaum vor dem Mund, gegen Mitarbeiter, Angestellte, sogar Diener tobt“ (211). Er agiert übersteigert, völlig überzogen und unüberlegt wie z.B. bei Tötung vieler seiner loyalen Mitstreiter 1934.
Von außen lässt sich eine „ungewöhnliche Beziehungslosigkeit des Führers“ (162) wahrnehmen , auch ausgeprägt in dem „mangelnden ‚Zug zu Weiblichkeit‘“ (163). An Kontakten fehlt es ihm nicht, aber sie sind geprägt von seinen ausufernden Reden, die andere nicht zu Wort kommen lassen. Auch Frau Ludendorff weiß davon zu berichten (vgl. Artikel: Die andere Margarethe – Ludendorffs Frau). Die zaghaften Frauengeschichten Hitlers, die Olden erwähnt, sind heute weit mehr durchleuchtet und geben Anlass zu Spekulationen.
Hitlers „Zorn“, seine „Neurasthenie“ tritt häufig auf, wenn etwas seinem Willen zuwiderläuft. Diese „Hemmungslosigkeit“ (229) verbunden mit der für sich reklamierten „barbarische[n] Rücksichtslosigkeit“ (151), die seine zeitweise Unfähigkeit zur Empathie verdeutlichen, zeigt Hitler Merkmale eines Soziopathen – ein Begriff, der erst später in der Hitlerforschung angewendet wird, in der Beobachtung Oldens aber schon angelegt ist. Er selbst bringt es mit dem Begriff „Infantilismus“ auf den Punkt: „Trieb und Reaktion, die Seele des Erwachsenen, ist kindlich-barbarisch geblieben“ (361). „Ein Kind, dem ein böser Gott Gestalt und Intellekt des Erwachsenen und dazu die Riesenkraft des Temperaments gegeben hat“ (362).
Verhältnis zur Wahrheit, Opportunismus
Überblickt man die vielen Meinungswechsel Hitlers in seiner politischen Karriere, ist „es nicht so leicht (…), festzustellen, woran Hitler eigentlich glaubt“( 85). Das ist symptomatisch. „Es ist meine Genialität, so zu tun, als ob der Jude an allem schuld sei“ (92), schreibt Hitler und Older fragt sich: „Ist er ein Zyniker, der bewusst die Unwahrheit lehrt?“ Doch vermutlich ist es schlicht so: Hitler „glaubt, was er sagt. Und was er sagt, wechselt“ (93).
Von dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger lernt der junge Hitler eine wesentlich Taktik, wie er selbst in Mein Kampf ausführt: „Er [Lueger] legte das Hauptgewicht seiner politischen Tätigkeit auf die Gewinnung von Schichten, deren Dasein bedroht war und mithin eher zu einem Ansporn (…) des Kampfwillens wurde. Ebenso war er geneigt, sich all der einmal schon vorhandenen Machtmittel zu bedienen, bestehende mächtige Einrichtungen sich geneigt zu machen, um aus solchen alten Kraftquellen für die eigene Bewegung möglichst großen Nutzen ziehen zu können.“ (43) Das ist, wie Olden klug vermerkt, die „offene Lobpreisung des Opportunismus“. Und genau dieses Ziel hat Hitler immer verfolgt. Sieht man von seinen Zornesausbrüchen und Drohungen ab, schmeichelt er vielen Institutionen, besonders den Vertretern der Reichswehr (inklusive Hindenburg), wechselt seine Meinung wieder, wenn es aus Machtgründen notwendig ist.
Schon der legendenhafte Bericht über die eigene Lebensgeschichte in Mein Kampf zeigt seine „verächtliche Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit“ (59). Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Als Hitler vor Gericht bei einem Landfriedensprozess gegen SA Leute 1930 gefragt wird, was eigentlich „SA“ bedeutet, sagt er unter Eid aus, dass es „Sport-Abteilung, Sicherheits-Abteilung, Saalschutz-Abteilung“ (211) hieße, nur um gleich drauf von einem SA-Mann Lügen gestraft zu werden, der auf die gleiche Frage „Sturm-Abteilung“ antwortet. „Seine Beziehung zur Wahrheit ist fragwürdig: er glaubt, was er sagt“ (211), resümiert Olden.
Im scheinbaren Kontrast zu Radikalismus, Gewaltverherrlichung und Herrenmentalität steht der Hang Hitlers sich anzubiedern oder gefallen zu wollen. Auch das ist eine Facette aus seiner vielschichtigen Psyche, obgleich Olden wie immer sehr hart urteilt: „Die krampfhafte Gier nach Bestätigung ist verursacht von der inneren Leere“, durch „die Verödung seines Gemütslebens“ und durch „seine geistige Leere“. (357).