Die Kosten für den passiven Widerstand, etwa durch Fortzahlung der ausgewiesenen Beamtenbezüge (sogenannte „Cuno-Rentner“ – weil unter der Regierung Cuno, 46) und Arbeitergehälter „führten zu einer außerordentlichen Beschleunigung der Inflation“ (62). Auch dieser Kampf war verloren. Es drohte sogar die Abspaltung der Rheingebiete vom Reich durch eine von Frankreich unterstützte Separatistenbewegung.
Erst der nächste Kanzler Stresemann rang sich am 27. September 1923 unter dem Motto „Nachgiebigkeit in materiellen Dingen, aber Unnachgiebigkeit in der Verteidigung deutschen Bodens“ (116) zu der politisch äußerst unpopulären Entscheidung durch, die inzwischen desaströsen Maßnahmen des Widerstands zu beenden und wieder in Verhandlungen mit den Alleierten einzutreten.
Die nationalen Rechten prangerten diesen diplomatischen Schritt als erneuten „Verrat“ am deutschen Volk an und riefen dazu auf, dem Kanzler das Schicksal Rathenaus und Erzbergers zuteilwerden zu lassen (beide durch rechte Gruppen ermordet!). Bayern rief als Reaktion den Ausnahmezustand nach Artikel 48 aus und übertrug dem Generalkommissar von Kahr die Regierung ohne Parlamentszustimmung. Die Reichsregierung wiederum verhängte daraufhin den Ausnahmezustand für ganz Deutschland. Die Bedrohung der Republik von Innen war sehr real geworden.
2. Deutscher Oktober und Hitlerputsch
Angesichts der nach oben schießenden Inflation und dem kriegerischen Akt Frankreichs – so zumindest wurde es empfunden – zerbrach das Vertrauen in die Republik. „Man sagt sich jeden Tag, nun müsse eine Katastrophe eintreten – ich weiß nicht welche, aber irgendeine: Zerfall des Reichs, Bürgerkrieg, irgendein Sturm (…) immer bleibt die gleiche verpestete Stille“, schreibt Viktor Klemperer am 14.10.1923 in sein Tagebuch (Klemperer, S. 253).
Revolution
Die Kommunisten sahen ihre Chance zur Revolution und bereiteten sich unterstützt durch Russland auf den Kampf vor. Als jedoch erste Versuche in Sachsen und Thüringen, die Arbeiter für die Sache zu gewinnen, wenig Erfolg zeigten und die Reichswehr kurzerhand einmarschierte, wurde die Revolution von höchster Stelle – Stalin soll beteiligt gewesen sein – abgeblasen. Nur in Hamburg kam es am 22.10.1923 zu einem Aufstand der KPD-Treuen unter Ernst Thälmann (!) mit dem Ergebnis von 61 Toten.
Die Bedrohung von rechts war genauso real. Der größte Unternehmer Deutschlands, Hugo Stinnes, forderte Ende September zur Produktionssteigerung die Wiedereinführung des 10-Stunden-Tages, auch mit Gewalt: „Deshalb (…) muss ein Diktator gefunden werden, ausgestattet mit Macht, alles zu tun, was irgendwie nötig ist. So ein Mann muss die Sprache des Volkes reden und selbst bürgerlich sein, und so ein Mann steht bereit“ (172). An wen der Industrielle dachte, ist nicht bekannt, aber es zeigt, dass der faschistische Ruf der Rechten nach dem starken Mann mehr als nur in der Luft lag, vielmehr offen ausgesprochen wurde. Auch Ernst Jünger und andere beschworen mit ihren Artikeln im Völkischen Beobachter, dem Blatt der Rechtsnationalen, die „echte Revolution“ herbei: „ihre Idee ist die völkische, zu bisher nicht gekannter Schärfe geschliffen, ihr Banner das Hakenkreuz, ihre Ausdrucksform die Konzentration des Willens in einem einzigen Punkt – die Diktatur“ (nach Ullrich, 175). Einer hat es schließlich gewagt.
Der starke Mann
Hitler war in München keine kleine Nummer, wie man manchmal denkt: „wenn Hitler spricht“ genügen die größten Säle nicht, so „dass jedes Mal Tausende, die keinen Einlass mehr fanden, abziehen müssen“ (Kölnische Volkszeitung, 8.11.1922, nach Ullrich 181). Seine Begabung ist die Rede, sein „aus dem inneren kommendes nationales Pathos“ (nach Ullrich, 181), das große Hörerschaften mitriss. Das Prinzip ist damals wie heute das Gleiche: Der gepeinigten Nation wieder „Weltgeltung“ (Hitler, nach Ullrich, 182) zu verschaffen. „Das Volk wünscht heute keine Minister mehr, sondern Führer. (…) Was Deutschland retten kann, ist die Diktatur des nationalen Willens“ (Hitler, nach Ullrich, 185). Deutlicher kann man es kaum formulieren. Der starke Mann aus München ließ keinen Zweifel, wer der Führer sein sollte.
Weite Teile der Rechten schienen mit einer Revolution in Berlin von Links gerechnet zu haben, der man als Reaktion mit vollem Recht und militärisch entschlossen entgegentreten konnte. Als diese von der Stresemann-Regierung verhindert wurde, fehlte die Legitimation. Der seit Ende September in Bayern mit Ausnahmegesetz regierende von Kahr gehörte zum rechten Lager und unterstützte die Schikane von Juden und Linken. Einen Putsch, der seit langem von Hitler als „Marsch auf Berlin“ angekündigt war, begünstigte diese Situation nicht. Durch seine großen Versprechen fühlte sich Hitler verpflichtet und entschloss sich zum „Losschlagen“ (197).
Die Ereignisse des 8. November im Bürgerbräukeller sind vielfach beschrieben. Bewaffnet dringt er mit Gefolge in den voll besetzten Saal ein und erklärt die Berliner und Münchner Regierung für abgesetzt. Mit dem anwesenden Triumvirat der bayrischen Notstandsregierung, u.a. von Kahr, verhandelt er in einem Nebenzimmer scheinbar erfolgreich und hält anschließend vor der Münchner Stadtprominenz im Bürgerbräukeller eine salbungsvolle Rede, welche die Stimmung zu seinen Gunsten neigt. Er gelobt feierlich: „Nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis die Verbrecher des Novembers 1918 zu Boden geworfen sind! Bis auf den Trümmern des heutigen jammervollen Deutschlands wiederauferstanden sein wird ein Deutschland der Macht und der Größe, der Freiheit und der Herrlichkeit! Amen!“ (nach Ullrich, 204).
Der Mitverschwörer und dekorierte General des großen Krieges Erich Ludendorff ist inzwischen zu den Putschisten gestoßen. Er besiegelt das schnelle Ende, weil er auf das Versprechen Kahrs die Vertreter der Regierung ziehen lässt. Ein schwerwiegender Fehler. Von Kahr dementiert sofort sein Einverständnis mit Hitler und mobilisiert Polizei und Militär. Der letzte Versuch am Morgen des 9. November, durch einen Zug vom Bürgerbräukeller zur Innenstadt die Sympathien der Bürger zu gewinnen, wird am Odeonsplatz blutig gestoppt. Hitler selbst und sein kleiner Tross werden verhaftet und verurteilt. Nur Ludendorff bleibt unbehelligt.
Carl von Ossietzky kommentiert am nächsten Tag (10.11.1923) in der Berliner Volkszeitung: „Der Götze ist gefallen. Dieser 9. November hat das verspätete, aber gerechte Urteil über den ärgsten Unglücksführer der deutschen Geschichte gebracht“ (nach Ullrich, 215). Was für ein Orakel, das sich später erst in katastrophaler Weise erfüllen wird.
3. Hyperinflation und Rentenmark
Geldentwertung
Allein die Zinsen für den Schuldenberg, den der wilhelminische Staat in vier Jahren Krieg für die Hoffnung auf einen Sieg angehäuft hatte, fraß den ganzen Steuereinnahmen der Jahre nach 1918 auf. Vor einem „Neuanfang“ „schreckten die demokratischen Nachkriegsregierungen zurück. Die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens war ihnen wichtiger als die Sanierung des Reichshaushalts und die Stabilisierung der Währung“ (73). Die Verschuldung stieg immer weiter, die Notenpresse druckte, der Wechselkurs der Mark verfiel in rasanten Schüben.